Verlorene Schätze – die Faszination steckt im Detail

Unser Whisky-Geschichte-Blog

Die Schule des Whiskys, in der man unweigerlich landet, sobald das Interesse an den goldenen Tropfen erst mal geweckt ist, kennt viele Pfade. Meistens führen Sie unmittelbar ins Leben und so ins gemeinsame Genießen. Sobald es jedoch geschichtlich wird, meint man im Allgemeinen, wird die Materie (und das eigene Glas) schnell trocken. Doch nicht so beim Whisky bzw. Whiskey. Diese Welt ist nicht nur voll von Legenden und Mythen. Sie ist auch unendlich reich bei jedem Abtauchen zu den Schätzen ihrer frühen Anfänge. Man lese, stöbere und staune. Den Anfang dazu macht eine grandiose Entdeckung und deren mehrteilige Aufarbeitung durch die Whisky Autorin und Bloggerin Margarete Marie.

Wie der „Thumper Keg“ die Brennanlagen revolutionierte – Teil 6

Bild 59: Double Bubbler bei Renegade Distillery (Photo Kirsch Import).

Von Margarete Marie

Die Gretchenfrage: Wieviel Aroma darf es denn sein?

Der Thumper Keg hat viele Namen. Manchmal heißt er Doubler, manchmal Bubbler, manchmal Retort, und manchmal hat er gar keinen Namen. Er kann aus Holz oder Kupfer bestehen, er hat viele Gesichter, und gehört zu den am wenigsten verstandenen Teilen einer Brennanlage. Und doch hat der Doubler innerhalb von nur drei Jahrzehnten die Brennanlagen dieser Welt verändert. In fünf langen Posts haben wir versucht, uns dem Doubler anzunähern. Jetzt ist es Zeit für eine Schlußbetrachtung. Was also macht den Doubler so besonders?

Ich hoffe, ihr habt genau so viel Spaß wie ich gehabt bei unserer kleinen Reise durch die Zeit und um die Welt, immer auf den Spuren des Doublers bzw. des Thumper Keg.  Dabei konnten wir eine wichtige Erkenntnis gewinnen:

Der Doubler hat sich in Europa anders entwickelt als in Amerika oder in Russland. Um zu verstehen, warum das so ist, schauen wir uns zum Abschluss noch einmal ganz genau an, wie ein Doubler – oder Thumper Keg oder Retort – funktioniert:

Bild 60: Schematische Darstellung der Rektifikation und Dephlegmation (Abb. aus Stammer, 1895).
Bild 60: Schematische Darstellung der Rektifikation und Dephlegmation (Abb. aus Stammer, 1895).

Betrachten wir dazu noch einmal obige Zeichnung (Bild 60). Bei Beginn der Destillation entwickeln sich in der Brennblase (A) alkoholhaltige Dämpfe, die nach (B) strömen, wo sie sofort verdichten und flüssig werden, da der Behälter (B) kalt ist. Über ein Verbindungsrohr fließt die Flüssigkeit wieder in die Blase zurück. Gleichzeitig erwärmt sich Behälter (B) durch den Dampf, so dass der nachströmende Dampf nicht mehr sofort vollständig verflüssigt, sondern nur teilweise und eine partielle und sich häufig wiederholende Verdichtung (Kondensation) stattfindet. 

Wird der Rückfluss in die Blase nicht gewünscht, kann man den Hahn an der Zuleitung abdrehen, dann bleibt die kondensierte Flüssigkeit im Behälter (B) bzw. (C), und wird dort erneut erhitzt.

Die Folge ist eine Verstärkung des Alkoholgehaltes, denn die Wassermoleküle kondensieren früher als die Alkoholmoleküle. Ist der Dampf heiß genug, steigt er auch in Behälter (C), und dort beginnt das Spiel erneut. Wenn der Dampf endlich in der Kühlschlange ankommt, hat sich sein Alkoholgehalt deutlich erhöht, da die nicht-alkoholischen Teile des Dampfes häufiger auf den Gefäßboden zurückfallen und wieder in die Brennblase zurückgeleitet werden oder am Boden der Gefäße (B) und (C) verbleiben.

Was so einfach ausschaut, ist in Wirklichkeit ein komplexes System aus Erhitzen und Abkühlen, Kondensation und Verdampfung – mit partieller Verdichtung, Reflux (Rückfluss), Rektifikation und Dephlegmation (teilweise Kondensation). Dabei macht man sich zunutze, dass Alkohol schon ab 78°C mit der Verdampfung beginnt, Wasser jedoch erst bei höheren Temperaturen. 

Bild 61: Destillations-Säule, Lonicer, 1573.
Bild 61: Destillations-Säule, Lonicer, 1573.

Schon die frühen Alchemisten und Apotheker haben versucht, über einen vermehrten Rückfluss den Alkoholgehalt zu steigern. Ein interessantes Beispiel ist diese “Destillations-Säule” von 1573 aus dem Buch von Lonicer (Bild 61). 

Doch erst, als Eduard Adam 1801 das Prinzip der “Woulfeschen Flasche” auf die Brennanlagen zur Gewinnung von destilliertem Trinkalkohol übertrug, ist Bewegung in die Sache gekommen. Innerhalb von nur 3 Jahrzehnten nach seiner Entdeckung haben sich die Brennblasen so rasant verändert, dass die Geschichte des Alkohols eine Revolution erlebte. 

In den europäischen Industrie-Nationen ist die Entwicklung anders verlaufen als in Amerika.

1. Europa

In Europa hat sich die Entwicklung von Brennapparaten nach 1801 förmlich überschlagen. Die industrielle Revolution war in vollem Gange, überall wurden Dampfmaschinen und neue Apparate entwickelt, und immer mehr Menschen waren technisch bestens ausgebildet. Nachdem das Prinzip der partiellen Verdichtung erst einmal verstanden war, veränderte sich die Form der Behälter zusehends.

Bild 62: Brennanlage mit Doubler und Pistarius-Becken der Firma Shears, 1830.
Bild 62: Brennanlage mit Doubler und Pistarius-Becken der Firma Shears, 1830.

Bei manchen Brennapparaten aus jener Zeit kann man die ursprüngliche Herkunft als “Doubler” noch erkennen, wie etwa bei der seltsamen Zwitterkonstruktion aus Pot-Still, Doubler und Pistorius-Becken, die von der Londoner Firma James Shears & Sons entwickelt wurde (Bild 62).

Bild 63: Brennanlage mit Dephlegmator anstelle des "normalen" Doublers.
Bild 63: Brennanlage mit Dephlegmator anstelle des “normalen” Doublers.

Mitunter trieb die Entwicklung auch seltsame Blüten, wie die folgenden Abbildungen zeigen:

Bild 64: Brennanlage mit Rektifikations- und Dephlegmationsvorrichtungen (Abb. aus Chemische Grundlagen..., 1841).
Bild 64: Brennanlage mit Rektifikations- und Dephlegmationsvorrichtungen (Abb. aus Chemische Grundlagen…, 1841).
Bild 65: gleiche Brennanlage wie Bild 64, im Querschnitt.
Bild 65: gleiche Brennanlage wie Bild 64, im Querschnitt.

Der eigentliche “Doubler”, wie er noch von Adam angewandt wurde, verlor zusehends seine Form, spezielle Rektifikations-Säulen und Dephlegmatoren kamen an seine Stelle, in denen die partielle Trennung von Alkohol und Wasser immer wieder stattfinden konnte, so lange, bis am Ende das gewonnene Destilllat hochprozentig und rein war. 

Die Entwicklung vom Doubler zur Säule und zum Dephlegmator-Aufsatz verlief so rasant, dass man für den Doubler nicht mal einen Namen fand.  

Bild 66: Menardscher Brennapparat.
Bild 66: Menardscher Brennapparat.

Es dauerte nicht lange, und die Geräte gingen immer weiter in die Höhe, mit immer mehr Reflux-Möglichkeiten und einer kontinuierlichen Destillation. 1813 wurde die Säule erfunden, und am Prinzip hat sich bis heute kaum etwas verändert.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Geräte hocheffizient, die Ausbeute war exzellent, die Mengen, die man destillieren konnte, waren gigantisch. Schnaps wurde billig, und das Geschäft lief. Was auf der Strecke blieb, war das Aroma. 

Zeitgleich zu den immer effizienter werdenden Säulenanlagen stiegen die Probleme des Alkoholismus und die Anzahl der Anti-Alkohol-Aktivisten. 

Bild 67: kleine Säulenanlage mit Glockenböden.
Bild 67: kleine Säulenanlage mit Glockenböden.

2. Amerika und Russland

In Amerika, Polen und Russland verlief die Entwicklung anders. In den ländlichen Regionen der Agrar-Nationen, an der Siedlungsgrenze der amerikanischen Pioniere, in den Bergwäldern der Appalachen und auf den Sklaven-Plantagen der Karibik mangelte es entweder an hoch qualifizierten Technikern oder an Kapital oder manchmal auch an beidem. 

Hier war der Doubler höchst willkommen, denn das Grundprinzip war denkbar einfach, und ohne komplizierte Maschinenbaukenntnisse auch mit einfachen Mitteln umzusetzen. Das Prinzip der Dampfdestillation war in den Brennereien an der Ostküste und in der Karibik ohnehin längst bekannt. 

Bild 68: einfache Variante einer Adamschen Brennanlage.
Bild 68: einfache Variante einer Adamschen Brennanlage.

Kupfer war knapp, und ein Doubler ließ sich problemlos aus einem einfachen Holzfass herstellen. Der Doubler wurde das Lieblingskind der amerikanischen und karibischen Brennereien. Sie liebten ihn so sehr, dass sie ihm auch Kose-Namen gaben. Während er in Europa ungeliebt und ohne Namen blieb, hieß er in Amerika Thumper, Doubler oder Bubbler. 

Bild 69: Double Bubbler.
Bild 69: Double Bubbler.

Während der Doubler in Europa in komplizierten Reflux-Säulen und Dephlegmator-Becken seine ursprüngliche Form verlor, ist er in Amerika einen anderen Weg gegangen und hat sich zu einem charakteristischen Merkmal amerikanischer und karibischer Brennblasen entwickelt. 

Bild 70: Moonshiner, 1939 (Abb. Texas History).
Bild 70: Moonshiner, 1939 (Abb. Texas History).

Er ist der Dinosaurier unter den Brennanlagen, dessen Zuhause die bescheidenen Hütten der polnischen Landarbeiter, die Blockhütten der Schwarzbrenner in den Appalachen und die krisengebeutelten Brennereien in der Karibik war. 

Er stammt aus einem anderen Zeitalter und hat auf wundersame Weise den Untergang seiner Artgenossen in Europa überlebt.

Zum Abschluss die “Gretchenfrage”:

Stellen wir zum Abschluss all unserer Betrachtungen endlich die Gretchenfrage: 

Welche Auswirkungen hat der Doubler auf den Geschmack? Ist ein Rum aus einem Double-Bubbler aromatischer als ein solcher aus einer Reflux-Säule oder einem Dephlegmator-Becken? Ist ein zwei- oder dreifach destillierter Whiskey aus einer Pot Still aromatischer als ein Whiskey aus einer Einmal-Destillation im Thumper Keg? Das Urteil darüber überlasse ich euch, und ich freue mich schon auf eure Antworten. 

Ich denke, es wird höchste Zeit, dass wir den Thumper Keg endlich kennenlernen.

Bild 71: Moonshiner in Texas mit Thumper Keg, 1939 (Abb. Texas History).
Bild 71: Moonshiner in Texas mit Thumper Keg, 1939 (Abb. Texas History).

Wie der „Thumper Keg“ die Brennanlagen revolutionierte – Teil 5

Von Margarete Marie

Sugar and Rum

Die ersten Europäer, die sich dauerhaft in Amerika niederließen, waren die Spanier. Franzosen, Engländer, Auch in den kolonialen Rum-Brennereien der Karibik hielt der Doubler Einzug. Hier ist er zumeist unter dem Namen „Cornue“, „Retort“ oder „Bubbler“ bekannt. Aber nicht überall in der Karibik finden wir ihn, und seine Herkunft ist bis heute nicht wirklich geklärt.

20. Yo Ho Ho and a Bottle of Rum

Kaum ein Getränk hat die Weltgeschichte so bewegt wie Rum. Seine Entstehungsgeschichte ist eng mit den kolonialen Zuckerrohr-Plantagen in der Karibik verbunden. Von Maine bis Jamaika wurde er überall entlang der amerikanischen Ostküste getrunken, und als Piraten-Schnaps und Navy-Rum ist er Teil der Seemanns-Folklore geworden. Auch in den englischen und schottischen Zuckerhäusern wurde er gebrannt, und die amerikanischen Moonshiner kennen bis heute Rezepturen für eine „Sugar-Mash“. Über Rum kann man ganze Bücher schreiben. 

Traditionell wurde Rum mit einer einfachen Pot Still destilliert. Der erste Brennvorgang ergab die alkoholschwachen Low Wines, die in einem zweiten Brenndurchgang noch einmal destilliert wurden. Noch 1815 wurde diese Art der Destillation in der Karibik als allgemein üblich beschrieben. 

Bild 44: Zuckerrohrplantage Martinique, 1667. Zuckerhaus mit Siedepfannen, davor eine Brennanlage („vinaigrerie“).
Bild 44: Zuckerrohrplantage Martinique, 1667. Zuckerhaus mit Siedepfannen, davor eine Brennanlage („vinaigrerie“).

Die Erfinder des Rums sind wahrscheinlich Holländer und Portugiesen gewesen. Erste Erwähnungen von Rum-Destillation finden sich bereits 1637, als der Holländer Pieter Blower von Brasilien nach Barbados reiste und im Gepäck Zuckerrohr-Samen und eine Brennblase hatte. Er soll als erster auf der Insel den Anbau von Zuckerrohr eingeführt haben. Pot Still und Kühlschlange waren zu diesem Zeitpunkt in Europa bereits seit längerem bekannt.

Brennapparat 1573, Lonicer.
Brennapparat 1573, Lonicer.

Auf der französischen Insel Martinique wird die Einführung der Rum-Destillation im Jahre 1644 Benjamin Da Costa zugeschrieben, einem Portugiesen mit Verwandtschaft in Amsterdam. Die frühen Zuckerhäuser konnten den Zucker nur unzulänglich aus dem Saft des Zuckerrohrs gewinnen. Die Melasse, die am Ende übrigblieb, enthielt immer noch so viel Zucker, dass man daraus eine Maische ansetzen und destillieren konnte. Ein anderes Nebenprodukt, die sogenannten “Skimmings” fanden ebenfalls bei der Destillation Verwendung, aber auf die Produktionsweise von Rum will ich an dieser Stelle nicht eingehen.

Bild 46: Holländische Zuckerrohrplantage auf St. Eustatius, 1750. Bildmitte Pferdemühle mit Zuckerrohrpresse, rechts Zuckerhaus, links Brennerei mit Brennblase.
Bild 46: Holländische Zuckerrohrplantage auf St. Eustatius, 1750. Bildmitte Pferdemühle mit Zuckerrohrpresse, rechts Zuckerhaus, links Brennerei mit Brennblase.

21. Flensburger Rum

Neben Holländern, Franzosen, Engländern, Schotten, Spaniern und Portugiesen tummelten sich auch Dänen seit 1672 in der Karibik. Sie bewirtschafteten vor allem auf den Inseln St. Thomas und St. Croix ausgedehnte Zuckerrohrplantagen. Flensburger Handelshäuser profitierten vom dänischen Zuckerhandel, und Flensburger Schiffe segelten regelmäßig zu den Hafenstädten der dänischen Antillen-Inseln, wo sie Zucker, Melasse und Rum erwarben. Zwischen 1833 und 1839 kam im Schnitt alle drei Wochen ein Schiff mit westindischem Zucker, Melasse und Rum in Flensburg an. Der Flensburger Westindien-Speicher erinnert noch heute an diese Zeit. Auch Deutschland hat seine kleine Rum-Geschichte. 

Bild 47: Bildausschnitt Brennhaus mit Brennblase im Außenbereich auf St. Thomas.
Bild 47: Bildausschnitt Brennhaus mit Brennblase im Außenbereich auf St. Thomas.

Eine der Plantagen, die Zucker nach Flensburg lieferten, war die Whim Plantation auf St. Croix. Da sie heute ein Museum beherbergt, ist ihre Geschichte gut dokumentiert. 1751 kam Christopher MacEvoy aus Schottland nach St. Croix, und baute die Whim Plantation auf. 1776 beantragte er die dänische Staatsbürgerschaft und erwarb zwei großzügige Herrenhäuser in der Nähe von Kopenhagen. Sohn Christian eröffnete in Kopenhagen eine Zuckerraffinerie und ein Handelshaus. Es waren goldene Zeiten für die Zuckerbarone.

Während sich in Europa die Brennanlagen zwischen 1801 und 1830 im Eiltempo zu technologisch hoch komplexen, komplizierten Anlagen entwickelten, blieben die Brennapparate auf den kolonialen Plantagen sehr schlicht. Der Grund waren nicht etwa die hohen Anschaffungskosten. Vielmehr hielt man es nicht für möglich, dass Sklaven in der Lage seien, die komplizierten Anlagen zu bedienen. 

Bild 48: Überreste einer dänisch-schottischen Rumbrennerei auf St. Croix, Estate Whim, Frederiksted. (Foto Wikipedia).
Bild 48: Überreste einer dänisch-schottischen Rumbrennerei auf St. Croix, Estate Whim, Frederiksted. (Foto Wikipedia).

Die Abschaffung der Sklaverei zwischen 1834 und 1848 auf den Karibik-Inseln und die neue Konkurrenz durch die Zuckerrübe führten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer langanhaltenden Wirtschaftskrise in der Karibik. Viele Plantagenbesitzer verließen die Inseln. Mit ihrem Rückzug setzte auch eine Kapitalflucht ein. An Modernisierung und Neuanschaffung von Brennapparaten war in den folgenden Jahrzehnten bei ständig sinkenden Zuckerpreisen kaum noch zu denken. Von den technologischen Entwicklungen, die die europäische Brennanlagen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts revolutionierten, kam in der Karibik kaum noch etwas an. 

Auch die MacEvoys gaben um 1880 ihre Plantagen auf. Leider weiß ich nicht, wann die Brennerei auf Whim geschlossen wurde, doch von der letzten Brennanlage ist ein Bild erhalten. Die Anlage war recht  schlicht und bestand aus einer Pot Still, einem Doubler mit Rektifizierungs-Aufsatz und einer Kühlschlange. (Bild 48) Sie weist große Ähnlichkeit auf mit einer Anlage, die 1868 von der schottischen Firma Blair, Campbell & MacLean in Glasgow gebaut wurde. (Bild 47) Einen Double Bubbler finden wir hier leider nicht, die Anlage der Whim Distillery war entweder zu modern, oder zu europäisch. Für einen echten Double Bubbler müssen wir woanders suchen.

Bild 49: Brennanlage für Rum der Firma Blair, Campbell & McLean, Glasgow, Abbildung von 1868. Bestehend aus Brennblase, Doubler, Rektifizierer und Kühlschlange.
Bild 49: Brennanlage für Rum der Firma Blair, Campbell & McLean, Glasgow, Abbildung von 1868. Bestehend aus Brennblase, Doubler, Rektifizierer und Kühlschlange.

22. Viele Fragezeichen auf Martinique

Die Franzosen beherzigten ganz klar die Empfehlung, dass man die Brennanlagen auf den Plantagen einfach halten sollte. Während die Brennapparate in Frankreich immer komplexer wurden, waren sie in der Karibik besonders einfach, und bestanden häufig nur aus Alembic und Kondensierer. Hier ein Beispiel der Firma Egrot mit typisch langgezogenem Helm:

Bild 50: einfacher französischer Rumdestillierapparat 1895.
Bild 50: einfacher französischer Rumdestillierapparat 1895.

Dennoch war auf Martinique der Doubler bekannt, wie eine Zeichnung aus dem Werk von Desiré Kervegant zeigt. Typisch ist der langgezogene Hals der Brennblase, die nach Pére Labat benannt war. 

Die Labat-Brennblase gibt bis heute Rätsel auf.  Labat war ein Dominikaner-Mönch aus Nancy, der am 29. Januar 1694 auf Maritinique ankam und hier missionarisch tätig war. Dazu gehörte auch, dass man die Bevölkerung medizinisch unterstützte, und bei der Entwicklung der Landwirtschaft mithalf. 

Bereits 1752 war Rum ein fester Bestandteil bei der Zubereitung von Arzneimitteln gegen tropische Krankheiten geworden, wie die folgende Rezeptur von 1752 gegen die sogenannte Himbeerseuche (englisch Yaws) belegt: 

Hat Labat die Doubler-Anlage von Glauber gekannt, die 1648 bei Ärzten und Apothekern in Amsterdam benutzt wurde? Hat Labat 1694 den Doubler auf Martinique eingeführt? Hat er den Einwohnern von Martinique, den Sklaven und Mulatten gezeigt, wie sie damit Alkohol für medizinische Tinkturen machen konnten? 

Bild 51: Dampf-Destillierapparat von Glauber, 1648.
Bild 51: Dampf-Destillierapparat von Glauber, 1648.

Oder bezieht sich der Name lediglich auf den langgezogenen Helm der Brennanlage? War der doppelte Doubler eine spätere Ergänzung zur ursprünglichen Labat-Brennblase? Wieder einmal stoßen wir auf mehr Fragen als wir Antworten finden. Noch immer liegt der Ursprung der Labat-Brennblase im Dunkeln.

Bild 52: Brennanlage mit Doubler auf Martinique, Ende 19. Jahrhunder (Abb. aus Kervenant, Boston Apothecary).
Bild 52: Brennanlage mit Doubler auf Martinique, Ende 19. Jahrhunder (Abb. aus Kervenant, Boston Apothecary).

23. Der Double Bubbler

Moderne Brenntechnologie hat inzwischen auch in der Karibik Einzug gehalten, und die Captain Morgan Rum-Fabrik von Diageo auf St. Croix ist eine hochmoderne Säulen-Anlage. 

Auf anderen Inseln gibt jedoch noch etwa 20 Betriebe, die auf den gleichen wuchtigen Anlagen brennen wie sie vor 200 Jahren in der Karibik benutzt wurden: mit einer Pot Still und einem Double Bubbler. Wer schon einmal eine solche Rumbrennerei auf Jamaika besichtigt hat, war mit Sicherheit beeindruckt von den urtümlich wirkenden Pot Stills und ihren zwergenhaften Gefährten. Sie wirken, als kämen sie aus einer anderen Zeit und das tun sie auch.

Bild 53: Brennblase bei Hampden Estate mit Pot Still und „Double Thumper“ (Foto Kirsch Import).
Bild 53: Brennblase bei Hampden Estate mit Pot Still und „Double Thumper“ (Foto Kirsch Import).

Neben einer klassischen Pot Still verfügen sie meist über zwei Doubler, die hier „Bubbler“ oder „Retort“ genannt werden wegen der Klopfgeräusche, die beim Aufprallen des heißen Dampfs auf die kalte Flüssigkeit im Gefäß entsteht. Der „Double Bubbler“ ermöglicht in Kombination mit der Pot Still eine dreifache Destillation in nur einem Brenndurchgang. 

Schöne Exemplare einer “Double Bubbler”-Pot Still-Brennanlage findet ihr z. B. bei Hampden Estate/Jamaika, Appleton/Jamaika, Mount Gay/Barbados, River Antoine/Grenada, Long Pond/Jamaika, Foursquare/Barbados oder Clairin/Haiti. Die El Dorado Brennerei in Guyana besitzt sogar noch alte Brennanlagen aus Holz. 

Bild 54: Brennblase bei Renegade mit Pot Still und „Double Thumper“ (Foto PR).
Bild 54: Brennblase bei Renegade mit Pot Still und „Double Thumper“ (Foto PR).

Auch die neue Renegade Distillery von Mark Reynier besitzt neben der heutzutage üblichen Säulenanlage eine klassische Pot Still mit „Double Thumper“, die er „Adam Still“ nennt zur Erinnerung an den Mann, der 1801 in Montpellier das Prinzip des Doublers entdeckt hatte. 

Aber gehen die Brennblasen in der Karibik tatsächlich auf Adam zurück? Weder in Frankreich noch im restlichen Europa konnten sich Brennanlagen mit Doubler durchsetzten. In den USA und in der Karibik hingegen wurde der Doubler sehr populär. Was hat diese unterschiedliche Entwicklung bedingt?

Vielleicht finden wir auf Jamaika die Antwort auf unsere Fragen.

24. Triple Thumper in Jamaica, Fettercairn und Aberdeen

Als sich in Schottland die Steuergesetze 1823 änderten, begannen auch die Schotten, sich für eine neue Destillations-Technologie zu interessieren. William Shand erhielt im August 1829 ein Patent für eine Anlage mit einer Pot Still und drei Thumpern für eine vierfache Destillation. Die Gefäße waren aus Holz gearbeitet, sie besaßen jedoch als Aufsatz einen Brennhelm aus Kupfer mit einer Rohrverlängerung.  

Shand hatte die Idee zu dieser seltsamen Anlage aus Jamaika mitgebracht. Wie viele andere Schotten auch hatten die Shands auf den Sklavenfeldern in der Karibik ihr Glück gesucht und gefunden. 

Bild 55: Brennanlage von Shand, 1829, mit drei Gefäßen aus Holz (aus Polytechnisches Journal, 1831, Band 39, S. 410f.).
Bild 55: Brennanlage von Shand, 1829, mit drei Gefäßen aus Holz (aus Polytechnisches Journal, 1831, Band 39, S. 410f.).

Von 1817 bis 1822 war William der Manager mehrerer Plantagen auf Jamaica, wo er ca. 20.000 Sklaven beaufsichtigte. Williams Bruder John Shand hatte 1809 die Zuckerrohrplantage Bellmonte Estate auf Jamaica erworben. Von dem erwirtschafteten Gewinn der Plantage erwarben die Shands 1814 die Ländereien Burn und Arnhall bei Fettercairn. 

Während in Jamaica heute der „Double Bubbler“ üblich ist, verwendete Shand in guter schottischer Lowland-Manier einen „Triple Bubbler“. Die Anlage ergab einen Whisky „frei von dem üblen Geruch, welchen man bei frisch destilliertem Whisky gewöhnlich bemerkt“, wie ein Zeitgenosse vermerkte, und wurde in der Gilcomston-Brennerei bei Aberdeen, in der Glenmurray Distillery bei Stirling sowie bei Fettercairn errichtet. 

Shands neue Brennanlage wirkt wie eine Kreuzung aus schottischen Schwanenhals-Pot-Stills und karibischen Holzbrennblasen, die den zylinderförmigen Holz-Doublern in Nord-Amerika sehr ähnlich sind. Shands Anlage scheint zu diesem Zeitpunkt auf Jamaika ein Novum zu sein.

Fünf Jahre zuvor, 1823, beschreibt Thomas Roughley in seinem Buch „The Jamaica Planter‘s Guide“ noch eine klassische Destillieranlage mit einer Low Wine Still und einer Spirit Still (Rum Still), die in zwei getrennten Brennvorgängen bedient werden. Eine Retorte oder einen Doubler erwähnt er mit keiner Silbe. Er empfiehlt stattdessen die schnellen, flachen Brennblasen der Rapid Distillation, die zu diesem Zeitpunkt in Schottland noch weit verbreitet waren und kostengünstig gearbeitet haben, aber qualitativ einen schlechten Ruf hatten.

Bild 56: Woulfsche Flasche von 1767. (Abb. Smithonian Institute).
Bild 56: Woulfsche Flasche von 1767. (Abb. Smithonian Institute).

Nur wenig ist über die Brennblasen der Karibik in dieser Zeit bekannt. Woher kannte Shand den hölzernen Thumper Keg? Kannte Shand die Anlagen der Amerikaner? Oder hatte er solche hölzernen Brennapparate auf Jamaika gesehen?

Bild 57: Jamaikanischer Double Bubbler (Abb. aus Kervegant, 1946).
Bild 57: Jamaikanischer Double Bubbler (Abb. aus Kervegant, 1946).

War Shand der erste, der den Doubler auf Jamaica einführte? Oder war er der erste, der eine schottische Pot Still mit mehreren Doublern kombinierte?  Wir wissen es nicht, aber 20 Jahre nach Shand ist der Double Bubbler auf Jamaika keine Seltenheit mehr. 

W.F. Whitehouse war viele Jahre Manager auf verschiedenen Zuckerrohr-Plantagen auf Jamaika, und von ihm erhalten wir 1845 genauere Informationen: 

“The Estates I lived on as a Bookkeeper, and where I made good crops, had two retorts, consequently the liquor was put in the still, the weak low-wines into the first retort, and the strong wines into the second retort, and the returns were good.” 

(Die Güter, auf denen ich als Buchhalter lebte und wo ich gute Ernten erzielte, hatten zwei Retorten, folglich wurde der Schnaps in die Destille gefüllt, die schwachen „Low-Wines“ in die erste Retorte und die „Strong Wines“ in die zweite Retorte, und die Ausbeute war gut.)

Besaß die Plantage eine Brennalage mit nur einer Retorte, so empfahl er, die Ausbeute fünf Tage zu sammeln und dann gemeinsam ein weiteres Mal zu destillieren. (Agricola’s Letters and Essays on Sugar-Farming in Jamaica, 1845, S. 127)

Aus dem Bericht von Whitehouse wird deutlich, dass sowohl der einfache Thumper Keg als auch der Double Bubbler Mitte des 19. Jahrhunderts auf Jamaica Standard waren. 

Drei Jahre später veröffentlicht Leonard Wray sein Buch über Zucker-Rohrpflanzungen, und auch bei ihm erfahren wir etwas über die Brennblasen jener Zeit: je nach Lust und finanziellen Möglichkeiten konnte ein Pflanzer aus einer Vielzahl von verschiedenen Systemen auf Jamaica wählen. 

Englische Plantagenbesitzer bevorzugten oft die ein- oder zweisäulige Patent-Still von Shears & Sons oder die Patent Still von Mr. Coffey. Französische Pflanzer wählten eher die Säulen-Anlagen von Blumenthal oder Langier. Die dominierende Brennanlage war jedoch der Double-Bubbler.

Bis 1820 findet sich nirgendwo ein Hinweis, dass es den Doubler auf Jamaica gab. Zwei Jahrzehnte später ist er eine Selbstverständlichkeit geworden und 1850 hat er sich überall in Nord- und Mittel-Amerika ausgebreitet. Aber nirgendwo ist der Doubler so schön wie in der Karibik. Der Double-Bubbler ist eine Klasse für sich. 

Bild 58: Alte Brennanlage in Jamaika (Abb. Library of Congress).
Bild 58: Alte Brennanlage in Jamaika (Abb. Library of Congress).

Der Ausblick:

Teil 6: Der Abschluss der Reihe – Die Gretchenfrage

Wie der „Thumper Keg“ die Brennanlagen revolutionierte – Teil 4

Von Margarete Marie

Von Holzbrennblasen und Bourbon Steam

Die ersten Europäer, die sich dauerhaft in Amerika niederließen, waren die Spanier. Franzosen, Engländer, Holländer und Schweden sollten bald folgen. Schnaps aus Zuckerrohr, Roggen oder Mais wurde schon bald ein wichtiges Handelsprodukt.

Als die Holländer 1626 Manhattan besiedelten, war Amsterdam ein Zentrum der Destillierkunst. Destillierter Alkohol wurde damals vor allem bei der Produktion von medizinischen Tränken verwandt, doch die Holländer erkannten schnell, dass Branntwein auch ein Wirtschaftsgut sein konnte.In Amsterdam wurde 1575 die Brennerei Bols gegründet, die heute eine der ältesten der Welt ist.  1640 wurde die erste kommerzielle Brennerei in Nordamerika von den Holländern auf Staten Island errichtet. 

Die Brennapparate der damaligen Zeit bestanden aus Brennblase, Helm und Schwanenhals, und die Kühlschlange war auch schon erfunden. Das Vorläufer-Modell, eine kleinere Alembic mit einem aufgesetzten Kühl-Kopf, der das Kühlwasser enthielt, war immer noch weit verbreitet. Da diese Anlage preiswerter und kleiner war, wurde sie zumeist für die zweite Destillation bzw. Rektifikation benutzt.

Doch 1648 kannte man in Amsterdam noch eine andere Möglichkeit der Destillation.

Bild 27-B: Brennapparat mit Low-Wine-Still (links) und kleiner Alembic als Spirit Still bzw. zur Rektification (rechts), 1705

15. Johann Rudolf Glauber und die Erfindung der Dampfdestillation

Lasst uns auf unserer Suche nach der Verbreitung des Thumper Keg noch kurzen Zwischenstopp in Amsterdam einlegen, ehe wir in die Neue Welt reisen.  Dort lebte 1648 der deutsche Alchemist und Apotheker Johann Rudolf Glauber, der um 1604 in Karlstadt in der Nähe von Würzburg geboren wurde und einer der bedeutendsten Chemiker seiner Zeit war. Er ist heute vor allem für seine Erfindung des Glauber-Salzes bekannt. 

Bild 27-C: Brennanlage mit Alembic und Kühlfass von 1648(Abb. aus Glauber)

Glauber war viele Jahre in Gießen, Frankfurt, Wertheim und Kitzingen tätig und mit der Destillation und dem Werk von Hieronymus Brunschwieg bestens vertraut. Zwischen 1640 und 1656 lebte und arbeitete er mit Unterbrechungen in Amsterdam, wo er den aus Hanau stammenden Arzt Franciscus Sylvius traf. Sylvius entwickelte mit Unterstützung von Glauber einen Verdauungsschnaps auf der Basis von Wacholder, und gilt deshalb als Erfinder der Rezeptur für Genever. 

Die Destillation von Alkohol war zu diesem Zeitpunkt entlang des gesamten Rheintals von Straßburg bis Rotterdam bekannt. Die Brennanlagen bestanden aus einer Alembic, die aus Glas, Ton oder Kupfer sein konnte sowie einer Kühlschlange im Wasserfass (Bild 27-C).

Bild 27-D: Dampfdestillationsgerät nach Glauber, 1648

In den folgenden Jahren hat Glauber seine chemischen Erkenntnisse in einem fünfbändigen Werk zusammengefasst, das 1648 in Amsterdam gedruckt wurde. Und in diesem Werk finden wir auch erstmals die Darstellung eines Destillierapparates, der mit Dampf betrieben wurde und bei dem die klassische Alembic-Brennblase, wie sie bis dahin üblich war, durch ein Holzfass ersetzt wurde. (Bild 27-D). 

Die Glaubersche Dampfdestille hat sich scheinbar nicht nur in Amsterdam, sondern auch in den holländischen Kolonien rasch verbreitet, denn Kupfer war in den Kolonien Mangelware. Schon 1640 hatten die Holländer auf Staten Island eine Brennerei etabliert. Nur 12 Jahre später erwarb George Fletcher in Virginia das Privileg, „to distil and brew in wooden vessels“. Glaubers hölzerne Dampf-Brennblase war offensichtlich bereits 1652 in der neuen Welt angekommen. 

Bild 28-A: hölzerne Dampfdestille von 1808 (Library of Congress)

Es scheint, als habe sich Glaubers Modell die nächsten 150 Jahre kaum verändert. 1808 beantragten Eli Barnum und Benjamin Brooks in New Marlboro, Massachusetts, ein Patent für einen Brennapparat, der sich nur durch einen kupfernen Fassdeckel von Glaubers Anlage unterscheidet. (Bild 28-A). Die Ähnlichkeit mit der Anlage von Glauber (Bild 27-D) ist verblüffend. Die Idee, mit Dampf zu destillieren, war also keinesfalls neu, und in Amerika weit verbreitet, wie wir später noch sehen werden. Doch was dieser Anlage immer noch fehlt, ist der Doubler.

Bild 28-B: Dampfdestillationsgerät aus Holz von Glauber, 1646 (gespiegelt)

Das Buch von Glauber enthüllt eine große Überraschung: er kannte den Doubler bereits. Doch es scheint, als habe Glaubers doppelter Destillierapparat zunächst keine Beachtung gefunden. Die “Papegaai”-Brennerei in Delft hat jedenfalls 1790 einfache Potstills aus Kupfer, mit direkter Befeuerung und ohne Doubler gehabt. Erst mit Eduard Adams Brennanlage von 1801 sollte sich das ändern. 

Bild 28-C: Holländische Pot Stills der Brennerei De Papegaii, Delft, ca. 1790 (Abb. Stadtarchiv Delft)

16. Dampf-Fieber in Pennsylvanien

Auch in Amerika war man nach der Revolution im Dampfmaschinen-Fieber und die Entwicklung von Dampfschiffen für den Warentransport auf Mississippi und Ohio erlebte einen enormen Aufschwung. Man blieb nicht bei der Schifffahrt stehen, andere Einsatzmöglichkeiten von Dampf wurden ebenfalls entwickelt und die Veröffentlichungen der französischen, holländischen und englischen Wissenschaftler zu den Einsatzmöglichkeiten von Dampf wurden eifrig studiert. 

Bild 29: Brennblase von Alexander Anderson mit Pot Still, Rummager, aufgesetztem Vorwärmer und eierförmigem Doubler (Abbildung aus The Distiller, 1818, Harrison Hall)

In Pennsylvanien gab es damals eine enorme Anzahl von Brennereien. Die früheste Erwähnung eines Doublers geht auf Colonel Alexander Anderson aus Columbia in Pennsylvanien zurück, der am 26.1.1801 seine neue Brennblase zum Patent anmeldete. Damit ist er dem Franzosen Eduard Adam um einige Monate voraus gewesen. 

Andersons Brennanlage fand zunächst wenig Beachtung, erst nach einer Weiter-Entwicklung 1805 durch Henry Witmer wurde sie populär in Pennsylvanien. Da in Pennsylvanien kein Wein, sondern überwiegend Roggen-Whisky gebrannt wurde, besaß die Brennblase einen sogenannten Rummager, der mit einer Handkurbel betrieben wurde, und mit dem man beim Brennen verhinderte, dass sich die festen Bestandteile in der Maische am Boden absetzten. Auf den ersten Blick sah die Brennblase wie eine klassische Pot Stil aus. Sie verfügte jedoch zusätzlich über einen Aufsatz, in dem sich der eiförmige Doubler befand, der eindeutig von Adams Erfindung beeinflusst war. Spätestens ab 1805 war das Adamsche Ei in Pennsylvanien bekannt.

Das Interesse an neuen, effizienteren Methoden bei der Destillation war in Amerika groß. 1815 veröffentlichte Harrison Hall in Philadelphia ein Handbuch für Destillateure, in dem er die neuesten Erkenntnisse zusammengetragen hatte und auch die Dampfdestillation ausführlich beschrieb. Das Buch trug mit dazu bei, dass sich die technologischen Erkenntnisse rasch von Pennsylvanien über Maryland bis nach Virginia, Kentucky und Georgia verbreiten konnten. Bereits drei Jahre später erschien die zweite Auflage. Als 1817 die Alkoholsteuer für Brennereien in den USA abgeschafft wurden, konnte sich das Brennereiwesen – im Gegensatz zu Europa – frei entfalten.

Bild 30: Hand buch der Destillation von Harrison Hall, erste Auflage 1815 (Abbildung aus The Distiller, 1818, Harrison Hall)

Überall im Land begannen die Brennerei-Besitzer, neue Anlagen zu entwickeln und Patente anzumelden. Eine besonders schöne Anlage entwickelte 1836 Jakob Weitzel aus Lancaster in Pennsylvanien. Wie bei einer klassischen Brennanlage bestand die Apparatur aus Brennofen, Brennkessel, Brennhelm und Kondensator. In der Mitte der Brennanlage befand sich jedoch der Doubler, der wie ein überdimensioniertes Überraschungs-Ei aussah und an die Anlage von Adam und Anderson erinnert. Ähnlich wie bei der französischen Brennanlagen befand sich seitlich über dem Doubler ein Vorwärmer. Der Brennapparat kann seine französische Abstammung nicht verleugnen.

Bild 31: Brennanlage von Jacob Weitzel (Abb. Library of Cogress)

Weitzel stammte aus einer alten Brenner- und Brauer-Familie, die zur Herrnhuter Brüdergemeinde gehörte. Diese Religionsgemeinschaft war ab 1735 in die amerikanischen Kolonien ausgewandert und hatte sich zusammen mit Mennonitischen Glaubensflüchtlingen in Pennsylvanien niedergelassen. Die Moravier, wie sie auch genannt wurden, hatten in Deutschland viele Anhänger. Die Weitzels stammten ursprünglich aus Ingelheim, bei Mainz, und gehörten zur ersten Einwanderungswelle der Moravier. Johann Paul Weitzel oder Weytzel kam bereits 1742 in Pennsylvanien an. 100 Jahre später lebte sein Nachkomme Jacob Weitzel im Ort Lancaster, wo er als Kupferschmied seinen Lebensunterhalt verdiente. Pennsylvanien war damals ein Schwerpunkt des amerikanischen Rye-Whiskeys und in Lancaster County gab es eine große Vielzahl an Brennereien. Weitzel hat vermutlich für viele von ihnen die Brennkessel gebaut und gewartet und kannte sich mit großer Wahrscheinlichkeit mit den verschiedenen Systemen gut aus. Sein Geschäft befand sich an der Ecke South Queen’s Street und Church Street. Weitzels Patent scheint viele Nachahmer gefunden zu haben, die seine Methode ohne Lizenz kopierten. 1848 war Weitzels Ärger über die illegalen Copycats so groß, dass er in einer Zeitungsannonce strafrechtliche Verfolgungen androhte.  Weitzel benutzt bereits den Begriff „Doubler“. 

Die Funktionsweise seiner Brennanlage hat er dabei folgendermaßen beschrieben:

„Die Verbesserungen bestehen aus einem zusätzlichen Gefäß, dem sogenannten Doubling-Gefäß, das etwas oberhalb der Brennblase angebracht wird. Dieses Gefäß enthält den Doubler. Die Bierwürze wird in das obere Gefäß gepumpt und fließt durch ein Rohr mit Hahn in das Doubling-Gefäß, wo es zum Kochen gebracht wird, ehe man es in die Brennblase einlässt. Das entsprechende Rohr kann mit einem Hahn aus Kupfer oder Holz geöffnet oder geschlossen werden.“ 

Auch im Südwesten von Deutschland wurde diese Art der Anlage irgendwann populär, und noch in den 1990er Jahren konnte man Anlagen mit einem seitlich angebauten „Doubler“ bzw. Verstärker in kleinen Landbrennereien finden.  Die Ähnlichkeit der Anlage von Weitzel und alten Brennanalagen aus Süddeutschland ist jedenfalls frappierend. (Bild 32)

Bild 32: alte Brennblase aus Südwestdeutschland (Abb. Wikipedia)

Aber kehren wir wieder zurück nach Pennsylvanien. Hier hatte bereits 1831 Charles Otis einen Brennapparat zum Patent angemeldet, und bei ihm kommen wir unserem Studienobjekt, dem Thumper Keg der amerikanischen Schwarzbrenner, endlich ein großes Stück näher. 

17. Leben an der “Frontier”: Der hölzerne Thumper Keg

Ein wichtiger Aspekt bei der Entwicklung von Brennblasen, der gerne übersehen wird, sind staatliche Vorschriften und Steuergesetze. Hier waren die Amerikaner lange Zeit im Vorteil: in den amerikanischen Kolonien wurde vor 1791 und von 1817 bis 1862 keine Steuern auf die Alkoholproduktion erhoben, so dass sich die amerikanischen Brennapparate in dieser Zeit frei von staatlichen Regularien entwickeln konnten. Vorherrschend in dieser Zeit waren kleine Farmdestillen, die an der Siedlungsgrenze („Frontier“) oft mit eingeschränkten Ressourcen zurechtkommen mussten. 

An der „Frontier“ nahm die Entwicklung einen ganz anderen Verlauf, wie die Brennanlage von Charles Otis zeigt.

Bild 33: Brennanlage von Charles Otis mit Brennofen, Pot Still, hölzernem Doubler, Aufwärmer und Kühlfass (Kondensator) (Abb. Library of Cogress)

Charles Otis stammte aus Tunkhannock, einer Siedlung im Nordosten von Pennsylvanien. Dort betrieb er seit mindestens 1816 eine Gaststätte mit Poststation. Das Anwesen lag an einer wichtigen Verkehrsachse und vermutlich gehörte auch eine Brennerei dazu. Wie bei Weitzel ist auch die Anlage von Otis mit einen Doubler und einen Vorwärmer ausgestattet, doch die Anlage wirkt sehr viel robuster und schlichter. Die Wahl der Materialien hat Otis an seine pennsylvanische Heimat angepasst. In den amerikanischen Kolonien war Kupfer Mangelware und extrem teuer. Holz hingegen gab es in rauen Mengen. Thumper Keg, Heater und Kondensator hat Otis deshalb aus Holz gebaut. Was wie eine einfache Pot Still mit drei Holzeimern aussieht, ist in Wirklichkeit eine technologisch wohl durchdachte und äußerst komplexe Anlage. Das Wort „Doubler“ benutzt Otis nicht, er spricht nur von einem „tub for low wines“ (Gefäß für den Rauhbrand). 

Das linke Holzgefäß entspricht einem Doubler und erhöht den Alkoholgehalt, der mittlere Holzeimer funktioniert wie ein Vorwärmer und der rechte Holzbottich ist der Kondensator. Hier erinnert nichts mehr an die Adamschen Eier, der Doubler hatte endlich seine amerikanische Form gefunden. Noch 50 Jahre später waren solche Brennanlagen in weiten Teilen der USA verbreitet, wie beispielsweise für die Brandy-Destillation in Californien.

Bild 34: Schema einer Brennanlage mit Doubler und Vorwärmer in Kalifornien (Abb. aus Brandy Distillation, California, Board of State Viticultural Commissioners, State Office, 1892)

18. Baumstamm-Destille und Bourbon Steam

Ganz anders sahen die dampfbetriebenen Brennanlagen in Kentucky und angrenzenden Gebieten aus, wo die Verkehrsanbindung an den Osten nur unzureichend war. Kupfer war hier noch schwieriger zu erhalten als im nördlichen Pennsylvanien. Hier entwickelten Thomas Lawes & Philip Grosjean aus Louisville im Jahre 1828 ein Modell, bei dem die klassische Brennblase durch einen zylindrischen Kocher ersetzt wurde. 

Die Anlage bestand aus Boiler (A), Ofen (B), Dampfrohr (G), Doubler (C), Vorwärmer (D), und Kondensator. Destillation mit Dampf war in Kentucky eine beliebte Methode, und wurde als „Bourbon Steam“ bezeichnet. Der Doubler war beim „Bourbon Steam“ unverzichtbar. So ganz scheint diese Neuentwicklung die Patent-Richter jedoch nicht überzeugt zu haben. Sie monierten, dass ihnen nicht klar sei, worin die Verbesserung bei dieser Anlage denn eigentlich bestehe. Der Kommentar macht deutlich, dass diese Art der Destillation in Kentucky bereits bekannt war.

Bild 35-A: Brennanlage aus Kentucky mit Doubler (Abbidlung Library of Congress)

Der Boiler hat hier die Form einer Truhe angenommen, und irgendwie erinnert mich das sehr an den Boiler der Brennanlage von Schloss Hundisburg, der einige Jahre früher entwickelt worden war. (Bild 35-B).  Philip Grosjean war erst zwei Jahre zuvor in die USA eingewandert. Ich habe leider nichts über seine Herkunft herausfinden können. Hatte Grosjean solche Truhen-Boiler in Europa kennen gelernt?

Bild 35-B: Ausschnitt aus der Brennanlage in Hundisburg, Blick von oben

Auch bei der Armagnac-Destillery von d’Ognoas  gibt es einen solchen Boiler, der jedoch seltsamerweise nicht als Boiler, sondern als Doubler benutzt wird. (Bild 35-C)

Bild 35-C: Bildausschnitt Brennerei d’Ognoas, Armagnac, ca. 1830

Eine ganz besondere amerikanische Erfindung ist die einzigartige „Log Still“. Baumstämme gab es in den Appalachen mehr als genug, und die Log Still, die aus einem Baumstamm gefertigt wurde, bot eine preiswerte Variante. (Bild 36) Diese Baumstamm-Destille basierte auf dem gleichen Prinzip wie die obige Dampf-Destille von Lawes und Grosjean aus Kentucky. 

Die folgende Abbildung stammt aus dem Buch von Hamilton Hall (2. Auflage, 1818), und zeigt die Baumstamm-Destille im Querschnitt. Betrieben wurde sie mit Dampf, der im Boiler (1) erzeugt wurde. Links vom Boiler befand sich ein Fach (W), in dem Wasser erhitzt wurde, mit dem man die Maische ansetzte. Dort war auch ein Sicherheitsventil gegen Überdruck eingebaut. Rechts vom Boiler befanden sich (2 + 3) die Beer Tubs, die die Bierwürze enthielten. Daran schloss sich (4) der Doubler an. Während der Destillation stieg der Alkoholgehalt im Dampf auf seinem Weg durch die einzelnen Abteilungen immer weiter an. Der alkoholhaltige Dampf wurde dann vom Doubler über eine Kupferspirale in ein Kühlfass geleitet. 

Die Anlage ist ein Meisterwerk an Ingenieurskunst und technischem Know-How und verblüfft gleichzeitig mit ihrer Schlichtheit, bei der mit einfachsten Materialien eine komplexe und funktionierende Apparatur erschaffen wurde. Sie ist ein eindrucksvoller Beleg für die Genialität der frühen Pioniere, die überwiegend mit den Dingen auskommen mussten, die die Natur ihnen lieferte und die dabei Enormes zustande brachten. Die Moonshiners, die Schwarzbrenner der Appalachen, stehen bis heute in dieser Tradition.

Bild 36: Log Still (Baumstamm-Brennapparat) (Abb. aus Hall, 1818)

Entwickelt wurde die Anlage von Robert Gillespie, der sie 1810 unter dem Namen „Columbian Independent Log-Still“ zum Patent anmeldete. Vor allem in Kentucky und Tennessee wurde diese Brennblase sehr populär. Sie wurde aus einem einzigen Baumstamm herausgearbeitet, und die Form der Behälter konnte individuell angepasst werden. Es gab die Log Still in vier verschiedenen Größen von 15 bis 24 Fuß und die Ausbeute betrug pro Durchlauf zwischen 180 und 50 Gallonen. Ein Vorteil der „Log Still“ waren die geringeren Herstellungskosten, die nur ein Drittel des Preises für herkömmliche Brennanlagen betrugen.  Auch die Anlage von P.M. Hackley (Bild 37-A) aus dem Herkimer County, N.Y., hat keine kupferne Alembic benötigt, die Brennblasen für den Rauhbrand (B) und den Feinbrand (c) hatten die Form einer gewöhnlichen Tonne – auf Englisch „Keg“. Das Patent wurde am 11. Januar 1811 beantragt.

Bild 37-A: Brennanlage von Hackley (Abbildung aus The Distiller, 1818, Harrison Hall)

Die Anlage hat große Ähnlichkeit mit dem russischen Brennapparat von Graf Dimitri von Subow, die um 1817 gebaut wurde, aber erst einige Jahre später in einer Veröffentlichung publik gemacht wurde. Waren beiden Anlagen tatsächlich unabhängig voneinander entstanden? Zum Vergleich habt ihr hier noch mal das Foto aus dem vorherigen Post (Bild 37-B).

Bild 37-B: Subowscher Brennapparat, Russland 1817

1818 hatten auch Alexander Anderson und Harrison Hall in Philadelphia ein ähnliches Modell entwickelt. Auch ihr Brennapparatur verzichtete komplett auf eine klassische Brennblase und leitete den Dampf direkt in ein Holzgefäß, das die Funktion einer Brennblase hatte und wie ein „Doubler“ funktionierte. (Bild 38)

Bild 38-A: Brennanlage nach Anderson und Hall. Wash Still (C) und Doubler (E) sind aus Holz gearbeitet. (Abbildung aus The Distiller, 1818, Harrison Hall)

Der Dampf wurde direkt aus einem Boiler (A) in ein Gefäß aus Holz (C) geleitet, das die Bierwürze enthielt. Dort reicherte er sich mit Alkohol an und stieg entweder in den Kondensator (E) auf oder machte noch einen Umweg über ein kleineres Gefäß (F), das die Funktion einer Rektifizerungs-Anlage hatte. Im Kondensator kühlte der Dampf ab und floss in die Kühlspirale aus Kupfer (D), an dessen Ende dann das fertige Destillat aufgefangen wurde. Die Anlage hatte den Vorteil, dass sie nicht nur sehr wirkungsvoll, sondern auch sehr kompakt war. 

Bild 38-B: Nauthusiusscher Brennapparat von Hundisburg, ca. 1823

Die Ähnlichkeit der Anlage von  Hall und Anderson mit der Anlage von Hundisburg (Bild 38-B)  ist überraschend. Hatte Nauthusius seine Inspiration bei einer Geschäftsreise zu den Tabakplantagen in Virginia erhalten? Oder war seine Anlage auf Hundisburg nach russischem Vorbild entstanden? 

Ein besonders schönes Beispiel für eine amerikanische Dampf-Destille mit Thumper Keg zeigt die folgende Abbildung aus den Appalachen im nördlichen Georgia. (Bild 39) Dazu wird mit einem Boiler Dampf in mit Maische gefüllte Fässer gegeben. Sie entsprechen zwei Brennblasen bei der herkömmlichen Destillation.

Bild 39: Brennanlage aus North Georgia (Appalachen). Wash Still, Spirit Still und Doubler sind aus Holzfässern gearbeitet. (Herkunft der Abb. nicht bekannt)

Über kupferne Rohrleitungen gelangt der Dampf, der sich mit Alkohol anreichert, dann in den Doubler, von wo aus er in einen Kondensator aus Kupferrohr gelenkt wird. Alle benötigten Gefäße sind aus Holz gefertigt, lediglich die Rohrleitungen sind aus Kupfer. Leider ist mir der Ursprung dieser Zeichnung nicht bekannt. Vermutlich handelt es sich um eine Moonshine-Brennerei, die 1954 in Georgia, Warren County, entdeckt wurde. (Bild 40)

Bild 40: Foto einer Moonshine-Anlage in Georgia (Brennofen) (Abb. Library of Georgia)

Das nächste Bild habe ich auf der Website der Eidgenössischen Zollverwaltung stibitzt. Leider weiß ich nicht, wer das Foto gemacht hat oder wem die Anlage gehört. Aber irgendwie hat mich diese fahrbare Lohnbrennerei aus der Schweiz mit ihrem raketenartigen Brennofen und den zylinderförmigen Brennblasen an die Moonshine-Destille in Northern Georgia erinnert. Ob die Ähnlichkeit nur Zufall ist? (Bild 41)

Bild 41: fahrbare Brennerei, Schweiz (Bild EZV)

Kanadischer Holzkohle-Filter

Auch nördlich von Pennsylvanien finden wir die hölzernen Brennblasen wieder. Am Humber River, 7 Meilen entfernt von Toronto, betrieb Mr Robson um 1838 eine solche Brennanlage. Der Ofen wurde aus Ziegelstein gemauert. Die Anlage bestand aus erster (B) und zweiter (C) Brennblase, einem kleineren Doubler (D), einem Kühlfass mit Kühlschlange (E), zwei Filtrierbehälter (H + I), die mit Holzkohle gefüllt waren und durch die das Destillat in einen Auffangbehälter tropfte. In einem weiteren Behälter (K) wurde Wasser für die Zubereitung der Maische erhitzt. Destilliert wurden Roggen, Weizen und Mais. (Bild 42)

Bild 42: Brennerei in Kanada, Humber River, mit Holzkohle-Filter, 1838 (aus History of Inventions, Morewood)

Die ganze Anlage wirkt wohldurchdacht und hat große Ähnlichkeit mit den Anlagen aus den südlichen Appalachen. Interessant ist auch die Verwendung von Holzkohle-Filter. Dadurch wurden offensichtlich unerwünschte Fuselöle aus dem Destillat herausgefiltert. Bei Jack Daniels wird der Holzkohle-Filter bis heute angewandt.

Zweite Zwischenbilanz: 

Die Dampf-Destillation und das Destillieren im Holzfass war dem deutschen Alchemisten Rudolf Glauber bereits um 1640 bekannt. Vermutlich fanden die Glauberschen Dampf-Destillierapparate ihren Weg über Amsterdam in die holländische Kolonie auf Staten Island, von wo aus sie sich entlang der gesamten Ostküste rasch verbreitet haben. 

Die Destillation mit Dampf erlaubte den Bau von hölzernen Brennapparaten. Da Kupfer in den Kolonien sehr teuer und knapp war, ließ sich durch die Verwendung von Holzgefäßen bei der Destillation viel Geld sparen. Vor allem in den waldreichen Gebieten der Appalachen und Kanadas waren die Holz-Brennblasen deshalb sehr beliebt.

Als um 1800 die große Blütezeit des Dampfzeitalters begann, gab es neue Entwicklungen. In Pennsylvanien stießen die französischen Erfindungen mit Dampfdestillation sofort auf großes Interesse. In der Folgezeit entstanden von Pennsylvanien bis Georgia neue Brennsysteme, die auf dem Destillationsprinzip der Woulffschen Flasche basierten. 

Anders als in Europa war man in Amerika mit der Dampfdestillation bereits bestens vertraut. Während in Deutschland oder Irland die klassische Form der Alembic auf den Thumper übertragen wurde, hat man sich in Amerika schon früh von der Alembic-Form gelöst und die Brennapparate in Form von Fässern oder Tonnen gefertigt. Die Verwendung von Holz hat diese Form begünstigt. 

Während in Europa die Anlagen extrem komplex und kompliziert wurden, hat man sie in Amerika auf das notwendigste reduziert.

Ein besonders kurioser Brennapparat war die „Log Still“, die aus einem Baumstamm gearbeitet wurde. Da für einen Doubler kein Kupfer nötig war, wurde er schon bald zum charakteristischen Element der amerikanischen Brennanlagen. Er wird bis heute in den meisten der großen amerikanischen Brennereien in Kentucky und Tennessee verwendet.

Die Methode der Holzkohle-Filterung war 1838 in Kanada bekannt. Mit dieser Methode konnten unerwünschte Fuselöle aus dem Destillat der Holzbrennblasen herausgefiltert werden. 

Da in den amerikanischen Kolonien zwischen 1817 und 1862 keine Steuern auf die Alkoholproduktion erhoben wurden, konnten sich die amerikanischen Brennapparate in dieser Zeit frei von staatlichen Regularien entwickeln. Vorherrschend in dieser Zeit waren kleine Farmdestillerien, die an der Siedlungsgrenze („Frontier“) oft mit eingeschränkten Ressourcen zurechtkommen mussten. 

Ausblick:

Teil 5: Sugar & Rum. Ein Streifzug durch die Karibik auf der Spur von Thumber Keg und Doubler 

Wie der „Thumper Keg“ die Brennanlagen revolutionierte – Teil 3

Von Margarete Marie

Double double toil and trouble…

Die technischen Errungenschaften der französischen Brennereien blieben in anderen Ländern nicht unbemerkt. Während die Säule überall große Aufmerksamkeit fand, hatte der Doubler es ungleich schwerer. Und nicht jede neu entwickelte Anlage wurde damals ein Erfolg. 

8. Schottlands „Rapid distillation“

In Schottland wurden 1801 die Brennblasen ebenfalls eifrig weiterentwickelt und viele Patente angemeldet. Doch die schottischen Brenner gingen zunächst einen Sonderweg, der seine Ursache in den schottischen Steuer-Gesetzen hatte und mit dem sie außerhalb Schottlands niemanden begeistern konnten. Die technologischen Neu-Entwicklungen der Schotten basierten auf einer schnellen Destillation und flachen Brennblasen (Bild 16-A). 

Curaudau hielt diese flachen Brennblasen für eine Fehlentwicklung und schrieb 1809: „Die Destillation ist zweifelsfrei schneller in flachen Brennblasen. Aber der Branntwein, den man mit dieser Methode erhält, hat nichts von der Aromatik und dem Geruch, die einen gut gemachten Branntwein auszeichnen.“ 

Bild 16-A: flache Brennblase aus Schottland (Abb. Reports from Committees of the House of Commons).

Curaudaus Kritik war noch zahm. Antoine-Simon Duportal fand 1812 deutlichere Worte: „Es scheint indessen, dass die Schottländer bloß darauf Bedacht genommen haben, den Gang der Destillation im hohen Grad zu beschleunigen; ohne sich darum zu bemühen, ein besseres Produkt zu erhalten: denn ihr Branntwein besitzt stets einen widrigen Geruch und Geschmack, welches seinem guten Ruf sehr nachteilig ist.“ Dennoch waren die Schotten gut im Geschäft. Mit Wacholder ließ sich so mancher Fehlton übertünchen. Bis die Column Still nach Schottland kam, sollte es noch ein paar Jahre dauern.

Bild 16-B: Brennblase in Großbritannien für Malt-Whisky 1805 (Abb. aus Shannon).

Die flachen Brennblasen hatten 1823 mit der Reform der Steuergesetze ausgedient. Aufgrund der schlechten Erfahrungen, die man in Schottland geschmacklich mit der Rapid Distillation gemacht hatte, blieben viele Brennereien in den kapitalschwachen Highland Brennereien lieber bei der althergebrachten zweimaligen Destillation mit der klassischen Pot Still. So groß wie heute waren die Brennblasen damals keinesfalls, wie eine Abbildung von 1805 zeigt. Sie sind erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts größer geworden. (Bild 16-C)

Bild 16-C: Klassische Pot Still in Schottland, Kupferwerke John Smth & Co., Glasgow.

In den Lowlands beschäftigte man sich mit den Säulen-Anlagen, die zu diesem Zeitpunkt in Frankreich und Belgien bereits im Einsatz waren. Sie ermöglichten eine kontinuierliche Destillation und waren vor allem für größere Brennereien geeignet. 1828 meldete Robert Stein seine Säulen-Anlage zum Patent an.




Bild 16-D: Coffey Still (Abb. aus Chemical Technology, Charles Edward Groves 1889).

Zur gleichen Zeit entwickelte auch William Shand bei Aberdeen eine neue Anlage, die drei Doubler hatte. Shand setzte den Doublern Helme auf wie bei einer normalen Pot Still, und die Anlage wurde auch erfolgreich in Brennereien bei Aberdeen, Stirling und Fettercairn eingesetzt. Über die Anlage von Shand will ich an dieser Stelle aber noch nicht viel sagen, wir werden sie ausführlich im fünften Teil besprechen, wenn es in die Karibik geht. 

Bild 16-E: schottische Brennblase mit drei Doublern von William Shand.

Weder die Anlage von Stein noch die Anlage von Shand konnten sich in Schottland auf Dauer durchsetzen. Sie wurden später von der Säulen-Anlage von Coffey verdrängt. (16-C) 

In den Highlands war der Doubler vermutlich nie angekommen.

9. Irischer Spätzünder

Die vielen Brennereien, die es einstmals in Irland gab, sind heute ebenso in Vergessenheit geraten wie die Brennblasen, die sie benutzten. In Cork entwickelten die Besitzer der Green Distillery, Thomas und Josef Shee, eine Brennanlage nach dem Vorbild von Eduard Adam, und meldeten sie 1834 zum Patent an. 

Bild 17: Irische Brennanlage mit Doubler (Abb. Wikipedia).

Statt der schönen Ostereier, wie sie Adam 30 Jahre zuvor entwickelt hatte, benutzten die Shee-Brüder kleine Alembics (Bild 17). Ihre Funktion als Doubler ist unschwer zu erkennen, sie wurden mit Dampf aus der Hauptbrennblase erhitzt. Die Brennanlage war über 20 Jahre lang in Betrieb. Durchsetzen konnte sich die Anlage nicht, da sie äußerst unpraktisch war. Ein Fachmann schrieb 1894 im Handbuch für Spirituosenfabrikation: „Der Apparat, eine schlechte Nachahmung der Woulffeschen Flaschen, ist so unpraktisch zusammengestellt, dass zu jeder Flasche noch Hilfsgefäße und eine Pumpe zum Heben des Lutters gehören.“ Begeisterung klingt anders. 

10. Berliner Irrungen und Wirrungen

Die Erfindung von Adam blieb in Deutschland nicht unbeachtet. In Berlin wurden gleich mehrere Brennapparate nach dem Prinzip der Adamschen Brennanlage entwickelt. Ähnlich wie in Irland waren auch die deutschen Brenner zunächst skeptisch. Sie trauten Adams „Eiern“ nicht viel zu, und setzten weiterhin auf die bewährte Pot-Still-Form. Wie erfolgreich waren die Berliner Brennapparate-Bauer? Schauen wir uns die deutschen Dampfbrennapparate etwas genauer an.

a) Pistorius: Am bekanntesten ist die Pistorius-Brennanlage (Bild 18). Sie wurde 1817 von Johann Heinrich Leberecht Pistorius entwickelt und vorranging für die neuartige Destillation von Kartoffeln eingesetzt, die sich in Preußen inzwischen bestens eingelebt hatte. Aber auch für Getreide war sie verwendbar. Die Anlage bestand aus „Maischblase“ (a) und „Maischwärmer“ (b), die miteinander verbunden waren und aus denen die Alkoholdämpfe in einen neuartigen Rektifizierungsbehälter geleitet wurden, der zwischen Maischwärmer und Kühlfass montiert war und später als „Pistorius-Becken“ Furore machte. 

Bild 18: Brennanlage von Pistorius, 1817. (Abb. aus Polytechnisches Journal Band 4, 1821).

Doch so ganz scheint Pistorius den neu entdeckten physikalischen Gesetzen nicht getraut zu haben: die zweite Brennblase (b) wurde nicht nur mit dem Dampf aus der ersten Brennblase, sondern zusätzlich auch mit Hitze aus dem Brennofen beheizt. Im Grunde war Brennblase Nr. 2 ein seltsames Zwitterwesen aus Vorwärmer, Doubler und normaler Brennblase. Das hatte Folgen: durch den erhöhten Energiebedarf erhöhten sich nicht nur die Kosten bei der Produktion, sondern die Funktionsweise des Doubler wurde auch gestört. Die zusätzliche Hitze aus dem Ofen behinderte die nötige Kondensation der alkoholischen Dämpfe im Maischwärmer zum richtigen Zeitpunkt, die zweite Destillation erfolgte nur unzureichend. Erst im anschließenden Dephlegmator, dem sogenannten „Pistorius-Becken“, wurde dann ein höherer Alkoholgehalt erreicht. Es scheint, als habe Pistorius die Wirkungsweise des Doublers nicht wirklich verstanden, sondern diese Idee einfach nur bei Blumenthal abgeschaut. 

Der Brennapparat funktionierte in der Anfangszeit nur leidlich, das Modell wurde in der Folgezeit stark modifiziert und verbessert. Insgesamt war die Anlage sehr komplex und teuer, und vielleicht hätte man mit zwei getrennten Brennblasen das gleiche oder sogar ein besseres Ergebnis erzielt. Die Alembic-Form, die die Brennblasen zu Beginn noch hatten, wurde im Lauf der Jahre aufgegeben.

Bild 19: Späteres Modell der Brennanlage von Pistorius, 1877. (Abb. aus Encyclopædia of Chemistry, Vol. I, 1877).

Die eigentliche Wirkung der Anlage beruhte nicht auf dem Doubler, sondern auf dem „Pistorius-Becken“, das wie ein Dephlegmator funktionierte und den Alkohol-Gehalt des Destillats erhöhte. Erst die Weiterentwicklung mit einem verbesserten Pistorius-Becken und einem Vorwärmbehälter hat der Anlage zu ihrem großen Erfolg verholfen. Es hat eine Weile gedauert, ehe die Berliner mit ihrem neuen Kartoffelschnaps zurechtkamen.

b) Romershausen: Eine weitere Anlage wurde um 1820 von Dr. Romershausen aus Berlin entwickelt (Bild 19). Die Form des Doublers erinnert auch hier stark an die Alembic bzw. Pot Still. Das sah zwar putzig aus, war aber nicht wirklich hilfreich. Die Maische wurde in der Maischblase (i) über Feuer erhitzt. Der aufsteigende Dampf wurde in die zweite Brennblase geleitet, der die Funktion eines Doublers hat. Es folgte ein sogenannter Gaetascher oder schwedischer Kondensator, der gleichzeitig die Funktion eines Vorwärmers hatte. Danach kam ein weiterer Gaetascher und schließlich das normale Kühlfass.

Um mächtig Dampf zu erzeugen, hat Dr. Romershausen einen Blasebalg eingebaut. Gebaut wurde diese Anlage nie, da der Blasebalg vollkommen überflüssig und sinnlos ist und keine Brennerei Lust hatte, eine zusätzliche Person einzustellen, die während des gesamten Brennvorgangs den Blasebalg bedient. 

Bild 20: Brennanlage Romershausen, Berlin, vor 1821 (Abb. aus Polytechnisches Journal Bd. 4, 1821).

c) Dorn: Auch die Anlage von Fabrick-Kommissarius Johann Friedrich Dorn war kein Parade-Stück. Sie bestand aus einer klassischen Pot Still, einem Doubler mit Wärmevorrichtung und einem Kühlfass. Doch das Innenleben des Doublers war ziemlich kompliziert und nicht sehr wirkungsvoll. Am Ende betrug der Alkoholgehalt lediglich 36%. (Bild 20)

Bild 21: Destillierapparat von Dorn (Abb. aus Buch der Erfindungen, Birnbaum & Zöllner 1886).

Fazit: Kein Vorsprung durch Technik beim Kartoffelbrennen 

Die Mehrzahl der Brennanlagen, die in Berlin in der entscheidenden Phase von 1800 bis 1820 entstanden, hatten in der Folgezeit keine nennenswerten Auswirkungen, und bis auf die Pistorius-Anlage verschwanden sie bald wieder. Sie belegen aber eindrucksvoll, wie schwer man sich in Deutschland anfänglich mit dem Doubler tat. Denn was sich so einfach anhört, ist in Wirklichkeit ein komplexes Gefüge aus Abkühlung und erneutem Aufheizen.  Von „Vorsprung durch Technik“ konnte man um 1820 bei den deutschen Brennanlagen keinesfalls reden. Im Gegenteil, man hinkte hoffnungslos hinterher.

Bild 22: Pistorius-Becken und Pistorius-Vorwärmer.

Eine Ausnahme bildete die Anlage von Pistorius. Der kam zwar nicht mit dem Doubler zurecht, aber sein Pistorius-Becken wurde überaus erfolgreich. Noch heute gibt es in Deutschland Brennanlagen, die über ein Pistorius-Becken verfügen. 

Das Pistorius-Becken

Pistorius hatte sich an der Säulen-Anlage von Jean-Baptiste Cellier-Blumenthal orientiert und verfolgte als Ziel die kontinuierliche Destillation. Die Elemente seines Brennapparates waren deshalb vertikal angeordnet. Die Flüssigkeit floss von oben nach unten, der Dampf stieg von unten nach oben. Bis zur Säule war es jetzt nur noch ein kleiner Schritt. Pistorius-Becken und Dephlegmatoren sollten in den kommenden Jahrzehnten bei den deutschen Brennanlagen dominieren. 

Fazit: Der Douber hat in Deutschland nie wirklich eine Chance gehabt.

11. Von Trier nach Pennsylvanien und zurück

Eine interessante Anlage finden wir einige Jahre später in Rheinischen Gefilden, als Heinrich Ludwig Lambert Gall aus Trier 1830 eine Brennanlage entwickelte.  Gall war 1819 nach Harrisburg in Pennsylvanien ausgewandert, aber 18 Monate später wieder zurückgekehrt. Eine Besonderheit seiner Brennanlage war, dass sie aus Holz gebaut wurde. Sie bestand aus einer hölzernen Brennblase in Zylinderform, einem „Separator“, einem „Dephlegmator“ und einer Kühlschlange. Holz war bei deutschen Brennanlagen ungewöhnlich.  Hatte er die hölzernen Kessel in Pennsylvanien kennen gelernt? Oder stammte seine Inspiration aus einer anderen Quelle?

Bild 23: Gallscher Brennapparat, ca. 1830. Mit Doubler und Pistorius-Becken.

Galls Apparat war äußerst effizient. Er hatte neben einem Doubler auch Reflux-Teller im Stile eines Pistorius-Becken, die später zu großen Dephlegmatoren wurden. 

Erfolgreich wurde die Anlage aber erst, als sie in Kupfer ausgeführt wurde. Sein Apparat wurde viel gelobt, und kam in mehreren Großbrennereien zum Einsatz. Auffällig ist die Form: es gab keine Alembic mehr. Die deutschen Brennanlagen waren endgültig im Dampfzeitalter angekommen. 

Bild 24-B: Verbesserte Gallsche Anlage in Kupfer.

In deutschen Fachkreisen war man davon überzeugt, dass eine hölzernen Anlage nur zum Abtreiben von klaren, dünnflüssigen Maischen geeignet war; zähe oder trübe Maischen wie etwa die Kartoffelmaische könne man nur auf kupfernen Anlagen brennen, weil sich ihre schweren Teile in den Winkel und an den Ecken des Behälters leicht ablagern und anbrennen würden.

In Polen war jemand ganz anderer Meinung.

12. Polnisch-Galizien

Etwa zwei Jahre früher als Gall, um 1828, hatte in Polen Adam Kasperowski eine dampfbetriebene Brennanlage für Kartoffelschnaps entwickelt, die in Berlin für viel Spott sorgte. Kasperowski stammte aus dem galizischen Lemberg, der heutigen ukrainischen Stadt Lviv.  Galizien war zum damaligen Zeitpunkt von Österreich annektiert und Kasperowski hatte mehrere Jahre in der napoeonischen Armee als Offizier gedient. Kasperowski war mehrsprachig aufgewachsen und wurde in den folgenden 10 Jahren nicht müde, seine Brennanlage immer wieder gegen preußisch-brandenburgische Anfeindungen zu verteidigen. Später etablierte er auf dem Gutshof Zurawniki eine der ersten Zuckerrübenfabriken Europas.  Ob er dort auch Rum destilliert hat, weiß ich leider nicht.

Bild 25: Destillierblase für den Hausgebrauch von Adam Kasperowski, ca. 1825 (Über die Dampfbierbräuerey).

Kasperowski hat die meisten seiner Veröffentlichungen in polnischer Sprache geschrieben, nur wenige Werke erschienen auf Deutsch. Doch in einer Anleitung zur „Dampfbierbräuerey“ finden wir endlich, in einem gesonderten Kapitel über die Destillation, wonach wir die ganze Zeit gesucht haben: Der Thumper Keg für den Hausgebrauch (Bild 25). Kein Zweifel – in Polen wusste man früh, wie man guten Kartoffelschnaps brennt. Kasperowski war nicht der erste, der eine Brennerei aus Holzgefäßen kontruierte.

Sein Vorbild stammte aus Russland. 

13. Russland

In Russland hatte schon 1816 Graf Dimitri von Sudow geklagt, dass die neu entwickelten Brennanlagen alle viel zu kompliziert seien. Für Russland, wo sich die meisten Brennereien nicht in der Stadt, sondern auf dem Land befanden, seien diese Anlagen kaum praktikabel. Der Brennapparat, den er deshalb entwickelte, zeichnet sich vor allem durch seine Schlichtheit aus. 

Die Anlage (Bild 25-A) bestand aus Ofen (a), eisernem Dampfkessel (b), Maischekufe (c), hölzerne Beikufe (d), und Kühlröhre (g). Entwickelt wurde die Anlage schon vor 1816. Sie fällt auf durch die Einfachheit ihrer Bauteile. Hier finden wir zum ersten Mal einen richtigen “Thumper Keg”. Subow war vermutlich der erste, der die Idee von Adam auf eine Kornbrennerei angewandt hat. 

Bild 25-A: Brennanlage von Graf Dimitri von Subow, 1816. Mit Dampfkessel und Doubler.

Um das Holz besser zu schützen, hat Subow die Holzgefäße mit Ziegelstein ummauert, wodurch sie eine ungewohnte Formensprache erhielt. Dass sich hinter diesem “Dampf-Apparat” eine Brennerei verbarg, ist kaum zu erkennen. (Bild 25-B).

Der Doubler ist in dieser Anlage ganz eindeutig zu erkennen, und besitzt alle Merkmale, die wir später in den USA wiederfinden werden. Er wurde nicht als “Doubler”, sondern als “Beikufe” bezeichnet. 

Der Doubler hat in Europa nie einen eigenen Namen bekommen. 

Bild 25-B: Subowsche Dampf-Brennanlage, aus Holz und Ziegelsteinen, mit Doubler.

14. Angel-Sächsische Liaison auf Schloss Hundisburg

Die erstaunlichste Brennanlage und den schönsten Doubler oder Thumper Keg jener Zeit finden wir dort, wo wir es gewiss niemals vermutet hätten: auf Schloss Hundisburg in Sachsen-Anhalt. Die Geschichte dieser Brennerei ist so unglaublich, dass ich sie euch unbedingt erzählen muss. 

Bild 26: Schloss Hundisburg (Abb. Wikipedia).

Der wohlhabende Kaufmann und Tabakhändler Johann Gottlob Nauthusius (Nathusius) hatte 1810 das säkularisierte Klostergut Althaldersleben bei Magdeburg erworben, und ein Jahr später, 1811, kaufte er auch das benachbarte Schloss Hundisburg, zu dem ein Gutsbetrieb gehörte. 

Die Agrarrevolution war in vollem Gange, die Welt war im Dampfmaschinenfieber, die Sklaven auf den Tabakfeldern in Virginia kurbelten die Wirtschaft an und Nauthusius begann, seinen Gutshof nach neuesten technologischen Erkenntnissen zu modernisieren. 1814 richtete er einen Kupferhammer und eine Eisengießerei ein. 

Bei einem Besuch in Berlin lernte er kurz danach den Mechaniker Ernst Neubauer kennen. Neubauer stammte aus Königsberg – dem heutigen Kaliningrad – und hatte einige Jahre in London und Birmingham gelebt, wo er als Mechaniker arbeitete. Vielleicht war er vor den Truppen Napoleons nach England geflüchtet. Nauthusius engagierte den jungen Neubauer, um auf Schloss Hundisburg eine Maschinenfabrik nach englischem Vorbild einzurichten.

Bild 26-A: Brennanlage von Nauthusius, 1823, Ansich von der Seite.

Ungefähr zur gleichen Zeit begann Nauthusius mit dem Bau von Brennanlagen. Neubauer reiste nach London, wo er eine siebenzöllige Dampfmaschine erwarb und 12 englische Metallarbeiter engagierte, die er zusammen mit der Dampfmaschine nach Hundisburg brachte. Im Dezember 1818 reiste Neubauer mit einigen hundert Goldtalern in den Harz, um einige Ersatzteile zu kaufen. Neubauer kam von seiner Harzreise nie zurück. Ob er Opfer eines Raubüberfalls wurde oder sich heimlich mit dem Geld nach Amerika abgesetzt hat, ist bis heute nicht geklärt. 

Einer der britischen Fachkräfte, die Neubauer angeheuert hatte, war Samuel Aston aus Merthyr-Tidvil in Wales. Aston blieb bis ungefähr 1823 in Hundisburg, dann ging er nach Magdeburg und gründete dort am Knochenhauerufer 19 eine mechanische Werkstatt. Einige Jahre später zog er nach Tränsberg 48 um. 

Im gleichen Jahr, in dem Aston das Werk in Hundisburg verließ, schickte Nauthusius Pläne und Beschreibung einer Brennanlage, mit der in Hundisburg Kartoffelschnaps gebrannt wurde, an Dr. Sigismund Friedrich Hermbstädt. 

Hermbstädt war Author des Werkes “Chemische Grundsätze der Kunst, Branntwein zu brennen”, dessen erster Band  1817 erschienen war. Als die Unterlagen von Nauthusis bei Hermbstädt ankamen, befand sich Band 2 bereits in Druck. Doch Hermbstädt war von der Anlage so begeistert, dass er sie noch in einem gesonderten Kapitel  als Nachtrag mit aufnahm. 

Bild 26-B: Brennanlage von Nauthusius, 1823, Ansicht von oben.

Gezeichnet worden waren die Pläne von G. Ackermann aus London, der zur Weiterbildung auf Schloß Hundisburg weilte. Ackermanns Vater war der berühmte Verleger Rudolf Ackermann, der 1787 nach London ausgewandert war. 

Die Anlage von Nauthusius (Bilder 26 A-D) ist zwischen 1814 und 1823 entstanden, und sie gibt viele Rätsel auf.  

Sie besteht im Kern aus einem Boiler (A), zwei Brenngefäßen(E) und zwei Doublern (F – Hermbstädt bezeichnet sie als “Dephlegmirapparate”.) Außerdem gibt es rechts noch zwei Kübel, um die Kartoffeln zu dämpfen (K) und das Wasser zum Einmaischen zu erhitzen (L). Die Destilliergefäße tragen einen kleinen Kupferhelm, die Doubler sind tonnenförmig.

Boiler und Weinbehälter im oberen Stock (B) erinnern an die kontinuierlichen Brennanlagen, die ab 1818 in der Gascogne entstanden sind, und Hermbstädt bezeichnet die Anlage als “perpetuierlich”. 

Dass der Herr Ritter die Brennanlage auf seinem Gutshof aus Holz errichten ließ, ist indess ungewöhnlich. Holz war bei Brennanlagen in Deutschland verpönt. Auch in ihrem Gesamt-Layout und in der Art der Befeuerung weicht die Anlage von den bekannten Groß-Anlagen in Deutschand zu diesem Zeitpunkt deutlich ab, und erinnert eher an die Holzbrennblasen, die in den amerikanischen Appalachen und angrenzenden Gebieten in Mode waren. Es ist die Ähnlichkeit mit amerikanischen Brennanlagen (mehr darüber im nächsten Teil), die mich so verblüfft. Für diese Ähnlichkeit kann es verschiedene Gründe geben:

1. Die Anlage könnte von Aston nach Londoner Vorbild gebaut worden sein, und von London aus den Weg nach Amerika genommen haben? 

2. Der Tabakhändler Nauthusius könnte diese Art der Anlagen in Virginia kennen gelernt und nach Deutschland importiert haben?

3. Der aus Königsberg stammende Neubauer könnte die Anlage nach russischen Vorbildern entwickelt haben? Denn hier hatte Graf Dimitri von Subow 1816 einen ähnlichen Brennapparat entwickelt.

4. Der verschollene Neubauer könnte sich 1818 nach Amerika abgesetzt haben, wo er diese Anlage unter falschem Namen nachbaute und so zu ihrer Verbreitung beitrug?

Bild 26-C: Brennanlage von Nauthusius, 1823.

Die Idee, dass die Brennanlage von Nauthusius nach englischem oder amerikanischem Vorbild konstruiert wurde, ist reizvoll. Ich favorisiere jedoch Theorie C, denn die Anlage in Hundisburg zeigt große Ähnlichkeit mit der Anlage des Grafen Dimitri von Sudow. 

Die Ähnlichkeit mit Brennanlagen, wie wir sie ein Jahrzehnt später in den USA wieder finden, ist jedoch frappierend. 

Die Anlage wirkt wie ein “Missing Link”, wie ein Archeopterix der Brennapparate, der die Anlagen in Amerika und in Europa miteinander verbindet. Denn bei keinem der Brennapparate, die wir bisher betrachtet haben, war der Doubler so deutlich und so amerikanisch wie in Hundisheim bei Magdeburg.

Bild 26-D: Der Thumper Keg von Schloss Hundisburg.

Machen wir uns endlich auf den Weg zu den Brennblasen in der Neuen Welt.

Erste Zwischen-Bilanz: 

In Frankreich führte die Entdeckung von Eduard Adam 1801 in ganz Europa zu einer wahren Flut an Weiterentwicklungen. Frankreich war im Brennblasen-Fieber, und innerhalb von wenigen Jahren wurden mehr als dreißig neue Patente angemeldet. Mit dem Doubler ließ sich eine mehrfache Destillation bei nur einem Brenndurchgang durchführen. Vor allem für die kleinen, mobilen Brennanlagen auf Rädern war der zeit- und platzsparende Doubler ein großer Gewinn.

In Preußen, Irland und Schottland konnte der Doubler nie richtig Fuß fassen, da er entweder nur unzulänglich verstanden oder von den Steuergesetzen verhindert wurde.

Der Forscher-Eifer jener Jahre führte schon bald zur Erfindung des Vorwärmbehälters, der Säulenanlage und der kontinuierlichen Destillationsmethode. Spätestens gegen Ende des 19. Jahrhunderts dominierte in Europa das kontinuierliche Brennverfahren der Säulendestillation. Die Erfindung von Vorwärmer, Glockenböden und Pistorius-Becken wurde wegweisend, Reflux-Elemente und Dephlegmatoren wurden bald zur Selbstverständlichkeit. Brennapparate aus Holz konnten sich in Europa nicht durchsetzen, Kupfer blieb die erste Wahl.

Die großen Anlagen der kommerziellen Brennereien wurden immer komplexer, effizienter, komplizierter und teurer. Die vergleichsweise langsame Batch-Destillation des Doublers hatte ausgedient, noch ehe sie richtig erblühen konnte.

Im südlichen Polen hingegen entwickelte der Agrartechniker Kasperowski eine kleine Destille mit Doubler für den Hausgebrauch. Benutzt hat er dazu eine Alembic, eine Kühlschlange und eine Woulfesche Flasche. Die große Stärke des Doublers liegt in der Einfachheit seiner Anwendung. 

Vorbild für die Anlage von Kasperowski war die hölzerne Dampf-Brennanlage des russischen Grafen Dimitri von Subow. Die Anlage besaß einen klassischen Doubler, der hier als “Beikufe” bezeichnet wurde. Der Doubler hat in Europa nie einen eigenen Namen bekommen. 

Zwischen 1814 und 1823 wurde in Hundisburg bei Magdeburg ein hölzerner Brennapparat mit Doubler gebaut, der für Deutschland sehr untypisch war und eher an die Anlagen in der Gascogne und in den amerikanischen Appalachen erinnert. Die Herkunftsgeschichte dieses Brennapparates wirft viele Fragen auf. 

Ausblick:

Der vierte Teil der Reihe führt uns so also zurück nach Nord-Amerika. Und dort werden wir der hölzernen Brennanlage und dem Doubler von Hundisburg wieder begegnen. 

Wie der „Thumper Keg“ die Brennanlagen revolutionierte – Teil 2

Von Margarete Marie

Vom Ei zur Säule

Heute wird es ein bisschen technisch. Um die Entwicklung besser verstehen zu können, müssen wir uns zunächst die Funktionsweise von einigen Brennanlagen anschauen. Die reine Lesezeit ist 9 Minuten. Aber bis man die Schaubilder verstanden hat, könnte es etwas länger dauern 😉 Am besten macht ihr es euch im Sessel bequem, und trinkt einen guten Whisky dazu. Wenn ihr die Entwicklung in Frankreich „geschafft“ habt, dann wird es einfacher. Versprochen.

4. Es dampft in Montpellier

Beginnen wir unsere Suche nach dem amerikanischen „Thumper Keg“ zunächst in Montpellier. Denn hier soll angeblich der Thumper Keg erfunden worden sein. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in französischen Brennereien eine Fülle von Neu-Entwicklungen, und Dampf stand dabei im Mittelpunkt.

Bild 4: Experiment mit Woulfeschen Flaschen (Abbildung aus Wikipedia)

Schon 1775 hatten James Watt und Matthew Boulton ihre Dampfmaschine auf den Markt gebracht. Doch erst als 1800 das Patent für ihre Erfindung abgelaufen war, begannen auch andere Forscher, sich intensiver mit der Konstruktion von Dampfmaschinen zu befassen. In den kommenden Jahrzehnten wurde Dampf das neue Zauberwort, und das Dampfzeitalter kam in Schwung. Auch die Brennmeister der damaligen Zeit begannen, mit Dampf zu experimentieren.

Einer dieser französischen Brennmeister mit Forschergeist war Eduard Adam, dem die Stadt Montpellier sogar eine Statue gewidmet hat. 1801 gelang Adam eine entscheidende Entdeckung, als er beim Experimentieren mit einer sogenannten Woulfeschen Flasche Wasserdampf in kaltes Wasser leitete und feststellte, dass das kalte Wasser dadurch fast bis zum Siedepunkt erhitzt wurde. (Bild 4) Adam erkannte, dass man auf diese Art die Energiekosten beim Destillieren von Wein gewaltig reduzieren konnte.

Bild 5: Adamsche Brennanlage

Er begann, mit Brennapparaten zu experimentieren, indem er Weintreber in einen Behälter mit mehreren Kammern füllte, den Behälter mit einer Brennblase verband und den Dampf aus der Brennblase mit einem Kupferrohr von Kammer zu Kammer leitete, um ihn dann mit einem weiteren Rohr in das Kühlfass einzulassen (Bild 5). 

Während der alkoholhaltige Dampf auf diese Art von einer Kammer in die nächste geleitet wurde, erhöhte sich sein Alkoholgehalt deutlich. 1801 meldete Adams seine Brennblase zum Patent an. Der Doubler war geboren. Doch damit ging die Entwicklung erst so richtig los.

Adam baute zusätzlich eine Vorrichtung ein, um den Wein vorzuwärmen, der beim folgenden Brennvorgang in die Brennblase kam. Dazu montierte er vor dem Wasserfass mit der Kühlschlange noch einen weiteren Behälter mit Kühlschlange, der Wein enthielt. Der Dampf, der durch die Kühlschlange verlief, erwärmte den Wein, der beim nächsten Destillationsvorgang dann über eine Leitung in die Brennblase floss. (Bild 5)

Bild 6: Verbesserte Brennanlage nach Adam mit eierförmigem dreifach Doubler und Vorwärmbehälter (Abb. Wikipedia)

Zunächst erlebte Adam einen Rückschlag. Sein Brandwein entwickelte zunehmend einen schlechten Geschmack. Adam fand heraus, dass sich in den Winkeln der eckigen Kammern Weinstein abgesetzt hatte. Um diese Ablagerungen zu verhindern, veränderte Adam die Form und setzte ab 1805 bei einem neuen Modell eierförmige Behälter ein. Je größer dabei die Anzahl der Eier war, die hintereinandergeschaltet wurden, desto höher war am Ende der Destillation der Alkoholgehalt (Bild 6).

Bild 7: Brennerei von Eduard Adam (Abb. aus Branntweinbrennerei in Frankreich, Antoine-Simon Duportal, 1812)

Das Prinzip der Dampfdestillation, das Adam entwickelt hatte, war bahnbrechend und spornte viele Brennmeister zu weiteren Entwicklungen an. Innerhalb weniger Jahre stieg die Anzahl der Patente für Brennblasen in Frankreich sprunghaft an. 

In nur zwei Jahrzehnten sollte Adams Erfindung die Brennereien dieser Welt nachhaltig verändern.

5. Der schnelle Weg zur Säulendestillation

Adam war nicht der einzige, der zu dieser Zeit mit Brennblasen experimentierte. François René Curaudau war ein französischer Apotheker, der sich vorrangig mit Forschungsarbeiten an Brennöfen befasste, um ihre Effizienz zu steigern. Curaudau experimentierte auch mit Brennapparaten und entwarf um 1806 ein Modell, das kompakter als die Anlage von Adam war und in die Höhe ging.

Curaudau montierte in der Brennblase mehrere Roste übereinander, auf die er Treber plazierte. Dann ließ er aus einem höher montierten Vorwärmer den vorgewärmten Wein in die Brennblase laufen. Der Wein erhitzte sich und der aufsteigende Dampf strich Stufe für Stufe durch die Roste, wobei er den Alkohol aus dem Treber löste. Dabei entstanden immer wieder Rückfluss-Effekte, die zu einer Steigerung der Alkoholkonzentration führte, je höher der Dampf aufstieg. Curaudau nannte sein Verfahren „Distillation à chauffe-vin“ oder „Distillation à double-effet“, da er Vorwärmer und Reflux-Kondensator miteinander kombinierte. (Bild 8) 

Curaudau war vermutlich der erste, der das Prinzip der Gegenstromführung von Dampf und Flüssigkeit verstand (Flüssigkeit fällt nach unten – alkoholhaltiger Dampf steigt nach oben). Bis zur Erfindung der Säulendestillation war es jetzt nur noch ein kleiner Schritt.

Bild 8: Brennanlage von Curaudau (Abbildung aus The Distiller, 1818, Harrison Hall)

Es war jedoch Jean-Baptiste Cellier-Blumenthal, der 1813 die Anlage vollends in die Höhe baute und die Glockenbodenkolonne erfand. Sie kam erstmals in Belgien zum Einsatz. Doch wir wollen an dieser Stelle nicht die Entwicklung der Säulen-Destillation weiterverfolgen. Uns interessiert der Thumper Keg.

Bild 9: Säulen-Brennanlage von Cellier-Blumenthal, die auf dem Doubler-Prinzip aufbaut (Abb. Wikipedia)

 6. Armagnac

In dem kleinen Städtchen Auch im Süd-Westen von Frankreich experimentierte der Ofenbauer Jaques Tuillière der Jüngere ebenfalls mit neuen Technologien, um seine Öfen effizienter zu gestalten.  Inspiriert von den Brennanlagen von Adam, Curaudau und Blumenthal entwickelte er eine kontinuierliche Dampf-Destillationsanlage, die er 1818 zum Patent anmeldete.  

Tuillière gilt als Erfinder der Armagnac-Brennapparate. Leider habe ich keine Zeichnung dieser Anlage finden können. Wenn wir aber Armagnac-Brennblasen mit den Anlagen von Cellier-Blumenthal und Egrot (Bild 9 + 10) vergleichen, dann können wir sehr schön nachvollziehen, wie sich die Armagnac-Brennapparate ab 1818 entwickelt haben. Alte Armagnac-Brennanlagen sind ein echtes Kind des Dampfzeitalters, und lassen mit ihrer urtümlichen, archaischen Schönheit das Herz jedes Steam-Punk-Fans höherschlagen. 

Eine Anlage, die in Frankreich sehr populär wurde, war die Anlage von Egrot aus Paris (hier in einer Variante von 1860).  Da sie vor allem in Armagnac-Brennereien eingesetzt wurde, möchte ich sie hier näher beschreiben. (Bild 10). 

Bild 10: kontinuierliche Brennanlage nach Egrot

Die Anlage funktioniert wie folgt: Auf dem gemauerten Ofen (a), der die Brennblase enthält, erheben sich vier Destillierbecken A-A-A-A, und ein zylinderförmiger Rectificator (D), die mittels einem Rohr mit Dephlegmator, Vorwärmer (F) und Kühlapparat (G) in Verbindung stehen. Der Maischebottich (Z) befindet sich in einem oberen Stockwerk und wird mit Hilfe einer Pumpe und eines Steigrohrs (X) befüllt. Durch den Trichter (R) fließt der Wein aus dem Bottich durch ein Rohr (S) in den Kühlapparat, und von dort durch ein weiteres Rohr (K) in das obere der vier Destillationsbecken. Von dort gelangt er in zirkulierenden Bewegungen in die unteren Becken und schließlich auch in die Brennblase. Durch Erhitzen entstehen in der Brennblase Dämpfe, die den Wein zum Sieden bringen, so dass der Wein zunehmend kondensiert wird. Im Zylinder (D) werden die Dämpfe dephlegmiert, ehe sie schließlich im Kühlapparat kondensiert werden. Auf seinem Weg von der Brennblase in den Kondensator hat sich der Alkoholgehalt im Dampf zunehmend gesteigert. 

Verknappt formuliert, bewegt sich der Wein von oben nach unten und wird dabei immer wärmer und der Dampf bewegt sich gleichzeitig von unten nach oben und nimmt dabei immer mehr Alkohol auf, den er aus dem Wein herauslöst.

Bild 11: Brennanlage der Domaine d’Ognoas mit Doubler (Abb. Wikipedia)

Die älteste Armagnac-Brennanlage befindet sich heute auf der Domaine d’Ognoas und stammt vermutlich aus dem Jahre 1830. Sie ist bereits genau so aufgebaut wie die spätere Egrot-Anlage (siehe oben, Bild 9). Aber hier finden wir tatsächlich noch den Doubler (Bild 11, links), der bei den späteren Entwicklungen verschwunden ist. Von der Brennblase bei Ognoas ist nur den Helm sichtbar, der Rest ist im Ofen eingemauert. Vom Helm aus führt ein Rohr in den Doubler. Der Wein im Doubler wird nicht über den Ofen erhitzt, sondern über den Dampf aus der Brennblase. 

Eine schöne Graphik zur Veranschaulichung findet ihr auf der Website der Domaine d’Ognoas. Man spricht auf der Website aber nicht von “Brennblase” und “Doubler”, sondern von “First Boiler / Première Chaudière” und “Second Boiler / Deuxième Chaudière”. 

Wie wir beim Vergleich der Anlagen der Domaine d’Ognoas und der späteren Anlage von Egrot erkennen können, ist der Doubler irgendwann überflüssig geworden und ist verschwunden. 

Eine gute Vorstellung, was “Gegenstromführung” bedeutet, gibt auch das folgende Video. Die Armagnac-Anlagen sehen heute immer noch so aus wie früher bei Monsieur Egrot. Der Doubler, des es bei der Domaine d’Orgnoas noch gibt, ist in der Video-Darstellung nicht mehr dabei.

Eine Besonderheit sind die mobilen Anlagen der Armagnac-Brenner, die mit ihrem Wagen von Weingut zu Weingut fuhren und auf kleinstem Raum eine komplette Brennanlage unterbringen mussten. Der Doubler war für sie besonders geeignet. 

Die folgende Zeichnung zeigt ein Modell von Villard Rotner von 1892 (Bild 12), das noch einen Doubler verwendete:

Bild 12: Modell eines Brennapparates für Armagnac mit Dampfkocher (A), Brennblase in Tonnen-Form (B) und Doubler (c) (Abb. aus Brandy Distillation, California, 1892)

Der Dampf wird im Kessel (A) erzeugt, unter dem sich der Feuerraum (F) befindet. Von dort wurde der Dampf in die eigentliche Brennblase (B) geleitet, die eine zylindrische Form angenommen hatte. Um die Beladung der Brennblase zu vereinfachen, wurde ein spezieller, perforierter Einsatz, in dem sich Trester befand, mit Hilfe eines Krans in die Brennblase eingesetzt. Von der Brennblase floss der alkoholhaltige Dampf in den Doubler (C), und von dort in den Kondensator (E) mit Kühlschlange. Kaltes Wasser wurde zunächst in den Kühler gepumpt, und von dort dann in den Dampfkessel geleitet. Pro Stunde konnten so 15-17 Liter Weinbrand mit ca. 50% Alkoholgehalt destilliert werden. Obwohl hier keine Pot Still bzw. Alembic benutzt wird, handelt es sich um eine zweifache Batch-Destillation – aber in nur einem Brenndurchgang.

In Deutschland wurden diese fahrbaren Brennanlagen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenfalls populär. Hier ein späteres Modell der Firma Leinhaas im sächsischen Freiberg von 1895 (Bild 13):

Bild 13: mobile Dampf-Brennanlage aus Sachsen.

Leinhaas gehörte zu den Großen seiner Zunft. Anfang 1876 erwarb der Ingenieur Eduard Leinhaas die G. C. Köhler Kupferschmiederei und Maschinenfabrik, in der Apparate und Maschinen für Kartoffelbrennereien hergestellt wurden. Leinhaas entwickelte auch Anlagen für Getreide, Mais und Zuckerrohr. Um die Jahrhundertwende lieferte die Firma weltweit, auch nach Amerika und Brasilien. So schön diese Anlagen auch waren – einen Doubler werden wir hier nicht mehr finden. 

7. Cognac

Auch die Cognac-Produzenten begannen, mit neuen Technologien zu experimentieren. Vermutlich wurden auch in der Charente Doubler ausprobiert. Aus der Zeit vor 1850 habe ich aber keine Darstellung finden können. Später integrierte man einen Vorwärmer in die Brennanlage und montierte einen Reflux-Kondensator auf die Brennblase, mit dem eine Zweifach-Destillation bei nur einem Brenndurchlauf möglich war. Die Anlage war jedoch relativ kompliziert und irgendwann verschwand der Reflux-Aufsatz wieder. Der Vorwärmer hingegen blieb und gilt heute als typisches Element einer Charente-Brennanlage.

Bild 14: Alte Brennanlage aus der Charente mit Alembic, Reflux-Aufsatz, Kondensator und Vorwärmer. (Abb. aus Brandy Distillation, 1892)

Fazit:

Bereits ab 1813 wurden in Frankreich die Doubler mit Säulen-Aufbauten kombiniert, und der Doubler wurde zunehmend überflüssig. Die Brennanlage der Domaine d’Ognoas ist eine der wenigen (oder vielleicht sogar die einzige) Anlage in Frankreich, die noch immer einen Doubler hat. 

Nicht nur in Frankreich sorgte Adams Entdeckung für weitere Entwicklungen. Auch in Irland, Schottland, Deutschland und Polen entstanden neue Brennanlagen. Werden wir dort einen Doubler finden? 

Die Antwort gibt Teil 3 dieser Reihe.

Wie der „Thumper Keg“ die Brennanlagen revolutionierte – Teil 1

Von Margarete Marie

Einleitung

1. Thumper Keg – Wie bitte!?

Ehrlich gesagt, bis vor ein paar Wochen hatte ich keine Ahnung, was ein Thumper Keg ist. Doch für einen Beitrag über die Geschichte des amerikanischen Whiskeys im Magazin „Der Whisky-Botschafter“ wollte ich mehr über amerikanische Brennblasen wissen und bin bei meinen Recherchen auch auf den Thumper Keg gestoßen. Aus Schottland kannte ich das nicht. Dort wurde einmal gebrannt, mit einer „Singling Still“ und danach in einem zweiten Durchlauf mit der „Doubling Still“ der Feinbrand destilliert. 

Aber ein Thumper Keg? Was bitte ist das denn? Meine Neugier war geweckt, ich wollte mehr erfahren. Zu meiner Verwunderung habe ich dann festgestellt, dass es zum Thumper Keg kaum Informationen gibt. Die vorherrschende Meinung ist, dass er von Siedlern aus Europa in die amerikanischen Kolonien gebracht wurde. Wenn man jedoch historische Abbildungen von alten Brennblasen in Irland oder Schottland untersucht, werden sie immer ohne Thumper Keg dargestellt. Liegt sein Ursprung tatsächlich in der alten Welt? 

Ich wollte unbedingt mehr wissen und habe in unzähligen Online-Archiven herumgestöbert. Was ich entdeckte hat mich regelrecht überwältigt. Denn der Thumper hat innerhalb von nur zwei Jahrzehnten die Brennerei-Welt revolutioniert. Er war wahrscheinlich die wichtigste Entdeckung in der Geschichte der Destillation seit der Erfindung der Kühlschlange. Doch in Europa verlief die Entwicklung ganz anders als in der Neuen Welt. Ich lade euch deshalb ein, mich zu begleiten auf meiner Entdeckungstour um die halbe Welt. Stöbern wir also gemeinsam in alten Archiven herum, um dem Thumper Keg auf die Spur zu kommen.

Bild 2: Schaubild einer Brennanlage mit Brennblase, Thumper Keg (Doubler) und Kühlfass (Kondensator) (Abb. aus Monzert, Practical Distiller, 1889, Wellcome Library)

1. Moonshiners

Schauen wir uns zunächst die Funktionsweise eines Thumpers an (Bild 2). Der Thumper Keg stellt eine gewaltige Verbesserung der Brennanlage dar. Seine Funktionsweise ist denkbar einfach – und setzt gleichzeitig ein tiefes Verständnis für thermische Vorgänge voraus. Der Thumper sitzt zwischen Brennblase und Kühlschlange und wird etwa zu einem Drittel mit Wasser, Maische oder Bierwürze gefüllt. Beim Brennvorgang steigt der alkoholhaltige Dampf zunächst in der heißen Brennblase auf und wird dann über ein Rohrstück bis auf den Boden des Thumper geleitet, wo er sich wieder abkühlt und verdichtet. Dabei gibt er Wärme an das Umgebungsmaterial ab, das sich langsam aufheizt und schon bald anfängt zu kochen. 

Dadurch entstehen im Thumper erneut alkoholische Dämpfe, die aufsteigen und in das Kühlfass bzw. den Kondensator fließen. Der Thumper bewirkt somit eine zweite Destillation bei nur einem Brenndurchlauf, und erhöht den Alkoholgehalt des Destillats. Ein zweiter Brenndurchlauf wird überflüssig. So lässt sich Zeit, Energie und Geld sparen. In der Serie Moonshiners arbeiten die beiden Protagonisten „Mark“ und „Digger“ häufig mit einem Thumper Keg (Bild 1). 

Bild 3: Adam Still in der Renegade Distillery (Bild PR)

2. Thumper, Bubbler oder Doubler?

Auch in legalen amerikanischen Brennereien kennt man den Thumper. Bei den großen Bourbon-Produzenten in Kentucky und Tennessee findet die erste Destillation üblicherweise in einer einfachen kontinuierlichen Säule statt, während die zweite Destillation oft in einem Thumper bzw. Doubler durchgeführt wird.  

Um die Sache kompliziert zu machen, unterscheiden amerikanische Brennereien zwischen einem Thumper und einem Doubler. Von einem Doubler spricht man, wenn sich der alkoholhaltige Dampf bei der Ankunft im Doubler bereits wieder verflüssigt hat. Bei einem Thumper befindet sich der Alkohol noch im gasförmigen Zustand, wenn er den Thumper erreicht. Manche amerikanischen Brennereien arbeiten mit einem Thumper, andere mit einem Doubler, manche haben beides. Sowohl Thumper als auch Doubler bewirken eine zweite Destillation, und sind in ihrer Funktionsweise ähnlich. Da in alten Abhandlungen und Zeichnungen der Thumper oft als Doubler bezeichnet wird, kann dies zu Begriffsverwirrungen führen. 

In der Karibik kennt man den Thumper auch (Bild 3), dort heißt er „Retort“, „Bubbler“ oder „Cornue“. Aber eigentlich ist jedes Mal das gleiche gemeint. Ich verwende aus diesem Grund im folgenden Text die Begriffe Thumper, Doubler, Bubbler und Retort synonym. 

Eine differenzierte Betrachtung, welche amerikanische Whiskey-Brennerei mit einem Thumper und welche mit einem Doubler arbeitet und warum, muss auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. 

In diesem Beitrag geht es um die Herkunft des Doublers und die Frage, wie die heutigen Brennblasen zu dem wurden, was sie sind. 

Auf geht‘s – Back to the Roots! Tauchen wir ein in die Welt der Dampfmaschinen. Denn dort liegt der Ursprung des Thumper Keg.

Dieser Beitrag wurde uns freundlicherweise von der Whiskybloggerin Margarete Marie bereitgestellt. Zu Ihrem Blog geht es hier: whiskyundfrauen. auch für männer.