Verlorene Schätze – die Faszination steckt im Detail

Unser Whisky-Geschichte-Blog

Die Schule des Whiskys, in der man unweigerlich landet, sobald das Interesse an den goldenen Tropfen erst mal geweckt ist, kennt viele Pfade. Meistens führen Sie unmittelbar ins Leben und so ins gemeinsame Genießen. Sobald es jedoch geschichtlich wird, meint man im Allgemeinen, wird die Materie (und das eigene Glas) schnell trocken. Doch nicht so beim Whisky bzw. Whiskey. Diese Welt ist nicht nur voll von Legenden und Mythen. Sie ist auch unendlich reich bei jedem Abtauchen zu den Schätzen ihrer frühen Anfänge. Man lese, stöbere und staune. Den Anfang dazu macht eine grandiose Entdeckung und deren mehrteilige Aufarbeitung durch die Whisky Autorin und Bloggerin Margarete Marie.

Wie der „Thumper Keg“ die Brennanlagen revolutionierte – Teil 3

Von Margarete Marie

Double double toil and trouble…

Die technischen Errungenschaften der französischen Brennereien blieben in anderen Ländern nicht unbemerkt. Während die Säule überall große Aufmerksamkeit fand, hatte der Doubler es ungleich schwerer. Und nicht jede neu entwickelte Anlage wurde damals ein Erfolg. 

8. Schottlands „Rapid distillation“

In Schottland wurden 1801 die Brennblasen ebenfalls eifrig weiterentwickelt und viele Patente angemeldet. Doch die schottischen Brenner gingen zunächst einen Sonderweg, der seine Ursache in den schottischen Steuer-Gesetzen hatte und mit dem sie außerhalb Schottlands niemanden begeistern konnten. Die technologischen Neu-Entwicklungen der Schotten basierten auf einer schnellen Destillation und flachen Brennblasen (Bild 16-A). 

Curaudau hielt diese flachen Brennblasen für eine Fehlentwicklung und schrieb 1809: „Die Destillation ist zweifelsfrei schneller in flachen Brennblasen. Aber der Branntwein, den man mit dieser Methode erhält, hat nichts von der Aromatik und dem Geruch, die einen gut gemachten Branntwein auszeichnen.“ 

Bild 16-A: flache Brennblase aus Schottland (Abb. Reports from Committees of the House of Commons).

Curaudaus Kritik war noch zahm. Antoine-Simon Duportal fand 1812 deutlichere Worte: „Es scheint indessen, dass die Schottländer bloß darauf Bedacht genommen haben, den Gang der Destillation im hohen Grad zu beschleunigen; ohne sich darum zu bemühen, ein besseres Produkt zu erhalten: denn ihr Branntwein besitzt stets einen widrigen Geruch und Geschmack, welches seinem guten Ruf sehr nachteilig ist.“ Dennoch waren die Schotten gut im Geschäft. Mit Wacholder ließ sich so mancher Fehlton übertünchen. Bis die Column Still nach Schottland kam, sollte es noch ein paar Jahre dauern.

Bild 16-B: Brennblase in Großbritannien für Malt-Whisky 1805 (Abb. aus Shannon).

Die flachen Brennblasen hatten 1823 mit der Reform der Steuergesetze ausgedient. Aufgrund der schlechten Erfahrungen, die man in Schottland geschmacklich mit der Rapid Distillation gemacht hatte, blieben viele Brennereien in den kapitalschwachen Highland Brennereien lieber bei der althergebrachten zweimaligen Destillation mit der klassischen Pot Still. So groß wie heute waren die Brennblasen damals keinesfalls, wie eine Abbildung von 1805 zeigt. Sie sind erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts größer geworden. (Bild 16-C)

Bild 16-C: Klassische Pot Still in Schottland, Kupferwerke John Smth & Co., Glasgow.

In den Lowlands beschäftigte man sich mit den Säulen-Anlagen, die zu diesem Zeitpunkt in Frankreich und Belgien bereits im Einsatz waren. Sie ermöglichten eine kontinuierliche Destillation und waren vor allem für größere Brennereien geeignet. 1828 meldete Robert Stein seine Säulen-Anlage zum Patent an.




Bild 16-D: Coffey Still (Abb. aus Chemical Technology, Charles Edward Groves 1889).

Zur gleichen Zeit entwickelte auch William Shand bei Aberdeen eine neue Anlage, die drei Doubler hatte. Shand setzte den Doublern Helme auf wie bei einer normalen Pot Still, und die Anlage wurde auch erfolgreich in Brennereien bei Aberdeen, Stirling und Fettercairn eingesetzt. Über die Anlage von Shand will ich an dieser Stelle aber noch nicht viel sagen, wir werden sie ausführlich im fünften Teil besprechen, wenn es in die Karibik geht. 

Bild 16-E: schottische Brennblase mit drei Doublern von William Shand.

Weder die Anlage von Stein noch die Anlage von Shand konnten sich in Schottland auf Dauer durchsetzen. Sie wurden später von der Säulen-Anlage von Coffey verdrängt. (16-C) 

In den Highlands war der Doubler vermutlich nie angekommen.

9. Irischer Spätzünder

Die vielen Brennereien, die es einstmals in Irland gab, sind heute ebenso in Vergessenheit geraten wie die Brennblasen, die sie benutzten. In Cork entwickelten die Besitzer der Green Distillery, Thomas und Josef Shee, eine Brennanlage nach dem Vorbild von Eduard Adam, und meldeten sie 1834 zum Patent an. 

Bild 17: Irische Brennanlage mit Doubler (Abb. Wikipedia).

Statt der schönen Ostereier, wie sie Adam 30 Jahre zuvor entwickelt hatte, benutzten die Shee-Brüder kleine Alembics (Bild 17). Ihre Funktion als Doubler ist unschwer zu erkennen, sie wurden mit Dampf aus der Hauptbrennblase erhitzt. Die Brennanlage war über 20 Jahre lang in Betrieb. Durchsetzen konnte sich die Anlage nicht, da sie äußerst unpraktisch war. Ein Fachmann schrieb 1894 im Handbuch für Spirituosenfabrikation: „Der Apparat, eine schlechte Nachahmung der Woulffeschen Flaschen, ist so unpraktisch zusammengestellt, dass zu jeder Flasche noch Hilfsgefäße und eine Pumpe zum Heben des Lutters gehören.“ Begeisterung klingt anders. 

10. Berliner Irrungen und Wirrungen

Die Erfindung von Adam blieb in Deutschland nicht unbeachtet. In Berlin wurden gleich mehrere Brennapparate nach dem Prinzip der Adamschen Brennanlage entwickelt. Ähnlich wie in Irland waren auch die deutschen Brenner zunächst skeptisch. Sie trauten Adams „Eiern“ nicht viel zu, und setzten weiterhin auf die bewährte Pot-Still-Form. Wie erfolgreich waren die Berliner Brennapparate-Bauer? Schauen wir uns die deutschen Dampfbrennapparate etwas genauer an.

a) Pistorius: Am bekanntesten ist die Pistorius-Brennanlage (Bild 18). Sie wurde 1817 von Johann Heinrich Leberecht Pistorius entwickelt und vorranging für die neuartige Destillation von Kartoffeln eingesetzt, die sich in Preußen inzwischen bestens eingelebt hatte. Aber auch für Getreide war sie verwendbar. Die Anlage bestand aus „Maischblase“ (a) und „Maischwärmer“ (b), die miteinander verbunden waren und aus denen die Alkoholdämpfe in einen neuartigen Rektifizierungsbehälter geleitet wurden, der zwischen Maischwärmer und Kühlfass montiert war und später als „Pistorius-Becken“ Furore machte. 

Bild 18: Brennanlage von Pistorius, 1817. (Abb. aus Polytechnisches Journal Band 4, 1821).

Doch so ganz scheint Pistorius den neu entdeckten physikalischen Gesetzen nicht getraut zu haben: die zweite Brennblase (b) wurde nicht nur mit dem Dampf aus der ersten Brennblase, sondern zusätzlich auch mit Hitze aus dem Brennofen beheizt. Im Grunde war Brennblase Nr. 2 ein seltsames Zwitterwesen aus Vorwärmer, Doubler und normaler Brennblase. Das hatte Folgen: durch den erhöhten Energiebedarf erhöhten sich nicht nur die Kosten bei der Produktion, sondern die Funktionsweise des Doubler wurde auch gestört. Die zusätzliche Hitze aus dem Ofen behinderte die nötige Kondensation der alkoholischen Dämpfe im Maischwärmer zum richtigen Zeitpunkt, die zweite Destillation erfolgte nur unzureichend. Erst im anschließenden Dephlegmator, dem sogenannten „Pistorius-Becken“, wurde dann ein höherer Alkoholgehalt erreicht. Es scheint, als habe Pistorius die Wirkungsweise des Doublers nicht wirklich verstanden, sondern diese Idee einfach nur bei Blumenthal abgeschaut. 

Der Brennapparat funktionierte in der Anfangszeit nur leidlich, das Modell wurde in der Folgezeit stark modifiziert und verbessert. Insgesamt war die Anlage sehr komplex und teuer, und vielleicht hätte man mit zwei getrennten Brennblasen das gleiche oder sogar ein besseres Ergebnis erzielt. Die Alembic-Form, die die Brennblasen zu Beginn noch hatten, wurde im Lauf der Jahre aufgegeben.

Bild 19: Späteres Modell der Brennanlage von Pistorius, 1877. (Abb. aus Encyclopædia of Chemistry, Vol. I, 1877).

Die eigentliche Wirkung der Anlage beruhte nicht auf dem Doubler, sondern auf dem „Pistorius-Becken“, das wie ein Dephlegmator funktionierte und den Alkohol-Gehalt des Destillats erhöhte. Erst die Weiterentwicklung mit einem verbesserten Pistorius-Becken und einem Vorwärmbehälter hat der Anlage zu ihrem großen Erfolg verholfen. Es hat eine Weile gedauert, ehe die Berliner mit ihrem neuen Kartoffelschnaps zurechtkamen.

b) Romershausen: Eine weitere Anlage wurde um 1820 von Dr. Romershausen aus Berlin entwickelt (Bild 19). Die Form des Doublers erinnert auch hier stark an die Alembic bzw. Pot Still. Das sah zwar putzig aus, war aber nicht wirklich hilfreich. Die Maische wurde in der Maischblase (i) über Feuer erhitzt. Der aufsteigende Dampf wurde in die zweite Brennblase geleitet, der die Funktion eines Doublers hat. Es folgte ein sogenannter Gaetascher oder schwedischer Kondensator, der gleichzeitig die Funktion eines Vorwärmers hatte. Danach kam ein weiterer Gaetascher und schließlich das normale Kühlfass.

Um mächtig Dampf zu erzeugen, hat Dr. Romershausen einen Blasebalg eingebaut. Gebaut wurde diese Anlage nie, da der Blasebalg vollkommen überflüssig und sinnlos ist und keine Brennerei Lust hatte, eine zusätzliche Person einzustellen, die während des gesamten Brennvorgangs den Blasebalg bedient. 

Bild 20: Brennanlage Romershausen, Berlin, vor 1821 (Abb. aus Polytechnisches Journal Bd. 4, 1821).

c) Dorn: Auch die Anlage von Fabrick-Kommissarius Johann Friedrich Dorn war kein Parade-Stück. Sie bestand aus einer klassischen Pot Still, einem Doubler mit Wärmevorrichtung und einem Kühlfass. Doch das Innenleben des Doublers war ziemlich kompliziert und nicht sehr wirkungsvoll. Am Ende betrug der Alkoholgehalt lediglich 36%. (Bild 20)

Bild 21: Destillierapparat von Dorn (Abb. aus Buch der Erfindungen, Birnbaum & Zöllner 1886).

Fazit: Kein Vorsprung durch Technik beim Kartoffelbrennen 

Die Mehrzahl der Brennanlagen, die in Berlin in der entscheidenden Phase von 1800 bis 1820 entstanden, hatten in der Folgezeit keine nennenswerten Auswirkungen, und bis auf die Pistorius-Anlage verschwanden sie bald wieder. Sie belegen aber eindrucksvoll, wie schwer man sich in Deutschland anfänglich mit dem Doubler tat. Denn was sich so einfach anhört, ist in Wirklichkeit ein komplexes Gefüge aus Abkühlung und erneutem Aufheizen.  Von „Vorsprung durch Technik“ konnte man um 1820 bei den deutschen Brennanlagen keinesfalls reden. Im Gegenteil, man hinkte hoffnungslos hinterher.

Bild 22: Pistorius-Becken und Pistorius-Vorwärmer.

Eine Ausnahme bildete die Anlage von Pistorius. Der kam zwar nicht mit dem Doubler zurecht, aber sein Pistorius-Becken wurde überaus erfolgreich. Noch heute gibt es in Deutschland Brennanlagen, die über ein Pistorius-Becken verfügen. 

Das Pistorius-Becken

Pistorius hatte sich an der Säulen-Anlage von Jean-Baptiste Cellier-Blumenthal orientiert und verfolgte als Ziel die kontinuierliche Destillation. Die Elemente seines Brennapparates waren deshalb vertikal angeordnet. Die Flüssigkeit floss von oben nach unten, der Dampf stieg von unten nach oben. Bis zur Säule war es jetzt nur noch ein kleiner Schritt. Pistorius-Becken und Dephlegmatoren sollten in den kommenden Jahrzehnten bei den deutschen Brennanlagen dominieren. 

Fazit: Der Douber hat in Deutschland nie wirklich eine Chance gehabt.

11. Von Trier nach Pennsylvanien und zurück

Eine interessante Anlage finden wir einige Jahre später in Rheinischen Gefilden, als Heinrich Ludwig Lambert Gall aus Trier 1830 eine Brennanlage entwickelte.  Gall war 1819 nach Harrisburg in Pennsylvanien ausgewandert, aber 18 Monate später wieder zurückgekehrt. Eine Besonderheit seiner Brennanlage war, dass sie aus Holz gebaut wurde. Sie bestand aus einer hölzernen Brennblase in Zylinderform, einem „Separator“, einem „Dephlegmator“ und einer Kühlschlange. Holz war bei deutschen Brennanlagen ungewöhnlich.  Hatte er die hölzernen Kessel in Pennsylvanien kennen gelernt? Oder stammte seine Inspiration aus einer anderen Quelle?

Bild 23: Gallscher Brennapparat, ca. 1830. Mit Doubler und Pistorius-Becken.

Galls Apparat war äußerst effizient. Er hatte neben einem Doubler auch Reflux-Teller im Stile eines Pistorius-Becken, die später zu großen Dephlegmatoren wurden. 

Erfolgreich wurde die Anlage aber erst, als sie in Kupfer ausgeführt wurde. Sein Apparat wurde viel gelobt, und kam in mehreren Großbrennereien zum Einsatz. Auffällig ist die Form: es gab keine Alembic mehr. Die deutschen Brennanlagen waren endgültig im Dampfzeitalter angekommen. 

Bild 24-B: Verbesserte Gallsche Anlage in Kupfer.

In deutschen Fachkreisen war man davon überzeugt, dass eine hölzernen Anlage nur zum Abtreiben von klaren, dünnflüssigen Maischen geeignet war; zähe oder trübe Maischen wie etwa die Kartoffelmaische könne man nur auf kupfernen Anlagen brennen, weil sich ihre schweren Teile in den Winkel und an den Ecken des Behälters leicht ablagern und anbrennen würden.

In Polen war jemand ganz anderer Meinung.

12. Polnisch-Galizien

Etwa zwei Jahre früher als Gall, um 1828, hatte in Polen Adam Kasperowski eine dampfbetriebene Brennanlage für Kartoffelschnaps entwickelt, die in Berlin für viel Spott sorgte. Kasperowski stammte aus dem galizischen Lemberg, der heutigen ukrainischen Stadt Lviv.  Galizien war zum damaligen Zeitpunkt von Österreich annektiert und Kasperowski hatte mehrere Jahre in der napoeonischen Armee als Offizier gedient. Kasperowski war mehrsprachig aufgewachsen und wurde in den folgenden 10 Jahren nicht müde, seine Brennanlage immer wieder gegen preußisch-brandenburgische Anfeindungen zu verteidigen. Später etablierte er auf dem Gutshof Zurawniki eine der ersten Zuckerrübenfabriken Europas.  Ob er dort auch Rum destilliert hat, weiß ich leider nicht.

Bild 25: Destillierblase für den Hausgebrauch von Adam Kasperowski, ca. 1825 (Über die Dampfbierbräuerey).

Kasperowski hat die meisten seiner Veröffentlichungen in polnischer Sprache geschrieben, nur wenige Werke erschienen auf Deutsch. Doch in einer Anleitung zur „Dampfbierbräuerey“ finden wir endlich, in einem gesonderten Kapitel über die Destillation, wonach wir die ganze Zeit gesucht haben: Der Thumper Keg für den Hausgebrauch (Bild 25). Kein Zweifel – in Polen wusste man früh, wie man guten Kartoffelschnaps brennt. Kasperowski war nicht der erste, der eine Brennerei aus Holzgefäßen kontruierte.

Sein Vorbild stammte aus Russland. 

13. Russland

In Russland hatte schon 1816 Graf Dimitri von Sudow geklagt, dass die neu entwickelten Brennanlagen alle viel zu kompliziert seien. Für Russland, wo sich die meisten Brennereien nicht in der Stadt, sondern auf dem Land befanden, seien diese Anlagen kaum praktikabel. Der Brennapparat, den er deshalb entwickelte, zeichnet sich vor allem durch seine Schlichtheit aus. 

Die Anlage (Bild 25-A) bestand aus Ofen (a), eisernem Dampfkessel (b), Maischekufe (c), hölzerne Beikufe (d), und Kühlröhre (g). Entwickelt wurde die Anlage schon vor 1816. Sie fällt auf durch die Einfachheit ihrer Bauteile. Hier finden wir zum ersten Mal einen richtigen “Thumper Keg”. Subow war vermutlich der erste, der die Idee von Adam auf eine Kornbrennerei angewandt hat. 

Bild 25-A: Brennanlage von Graf Dimitri von Subow, 1816. Mit Dampfkessel und Doubler.

Um das Holz besser zu schützen, hat Subow die Holzgefäße mit Ziegelstein ummauert, wodurch sie eine ungewohnte Formensprache erhielt. Dass sich hinter diesem “Dampf-Apparat” eine Brennerei verbarg, ist kaum zu erkennen. (Bild 25-B).

Der Doubler ist in dieser Anlage ganz eindeutig zu erkennen, und besitzt alle Merkmale, die wir später in den USA wiederfinden werden. Er wurde nicht als “Doubler”, sondern als “Beikufe” bezeichnet. 

Der Doubler hat in Europa nie einen eigenen Namen bekommen. 

Bild 25-B: Subowsche Dampf-Brennanlage, aus Holz und Ziegelsteinen, mit Doubler.

14. Angel-Sächsische Liaison auf Schloss Hundisburg

Die erstaunlichste Brennanlage und den schönsten Doubler oder Thumper Keg jener Zeit finden wir dort, wo wir es gewiss niemals vermutet hätten: auf Schloss Hundisburg in Sachsen-Anhalt. Die Geschichte dieser Brennerei ist so unglaublich, dass ich sie euch unbedingt erzählen muss. 

Bild 26: Schloss Hundisburg (Abb. Wikipedia).

Der wohlhabende Kaufmann und Tabakhändler Johann Gottlob Nauthusius (Nathusius) hatte 1810 das säkularisierte Klostergut Althaldersleben bei Magdeburg erworben, und ein Jahr später, 1811, kaufte er auch das benachbarte Schloss Hundisburg, zu dem ein Gutsbetrieb gehörte. 

Die Agrarrevolution war in vollem Gange, die Welt war im Dampfmaschinenfieber, die Sklaven auf den Tabakfeldern in Virginia kurbelten die Wirtschaft an und Nauthusius begann, seinen Gutshof nach neuesten technologischen Erkenntnissen zu modernisieren. 1814 richtete er einen Kupferhammer und eine Eisengießerei ein. 

Bei einem Besuch in Berlin lernte er kurz danach den Mechaniker Ernst Neubauer kennen. Neubauer stammte aus Königsberg – dem heutigen Kaliningrad – und hatte einige Jahre in London und Birmingham gelebt, wo er als Mechaniker arbeitete. Vielleicht war er vor den Truppen Napoleons nach England geflüchtet. Nauthusius engagierte den jungen Neubauer, um auf Schloss Hundisburg eine Maschinenfabrik nach englischem Vorbild einzurichten.

Bild 26-A: Brennanlage von Nauthusius, 1823, Ansich von der Seite.

Ungefähr zur gleichen Zeit begann Nauthusius mit dem Bau von Brennanlagen. Neubauer reiste nach London, wo er eine siebenzöllige Dampfmaschine erwarb und 12 englische Metallarbeiter engagierte, die er zusammen mit der Dampfmaschine nach Hundisburg brachte. Im Dezember 1818 reiste Neubauer mit einigen hundert Goldtalern in den Harz, um einige Ersatzteile zu kaufen. Neubauer kam von seiner Harzreise nie zurück. Ob er Opfer eines Raubüberfalls wurde oder sich heimlich mit dem Geld nach Amerika abgesetzt hat, ist bis heute nicht geklärt. 

Einer der britischen Fachkräfte, die Neubauer angeheuert hatte, war Samuel Aston aus Merthyr-Tidvil in Wales. Aston blieb bis ungefähr 1823 in Hundisburg, dann ging er nach Magdeburg und gründete dort am Knochenhauerufer 19 eine mechanische Werkstatt. Einige Jahre später zog er nach Tränsberg 48 um. 

Im gleichen Jahr, in dem Aston das Werk in Hundisburg verließ, schickte Nauthusius Pläne und Beschreibung einer Brennanlage, mit der in Hundisburg Kartoffelschnaps gebrannt wurde, an Dr. Sigismund Friedrich Hermbstädt. 

Hermbstädt war Author des Werkes “Chemische Grundsätze der Kunst, Branntwein zu brennen”, dessen erster Band  1817 erschienen war. Als die Unterlagen von Nauthusis bei Hermbstädt ankamen, befand sich Band 2 bereits in Druck. Doch Hermbstädt war von der Anlage so begeistert, dass er sie noch in einem gesonderten Kapitel  als Nachtrag mit aufnahm. 

Bild 26-B: Brennanlage von Nauthusius, 1823, Ansicht von oben.

Gezeichnet worden waren die Pläne von G. Ackermann aus London, der zur Weiterbildung auf Schloß Hundisburg weilte. Ackermanns Vater war der berühmte Verleger Rudolf Ackermann, der 1787 nach London ausgewandert war. 

Die Anlage von Nauthusius (Bilder 26 A-D) ist zwischen 1814 und 1823 entstanden, und sie gibt viele Rätsel auf.  

Sie besteht im Kern aus einem Boiler (A), zwei Brenngefäßen(E) und zwei Doublern (F – Hermbstädt bezeichnet sie als “Dephlegmirapparate”.) Außerdem gibt es rechts noch zwei Kübel, um die Kartoffeln zu dämpfen (K) und das Wasser zum Einmaischen zu erhitzen (L). Die Destilliergefäße tragen einen kleinen Kupferhelm, die Doubler sind tonnenförmig.

Boiler und Weinbehälter im oberen Stock (B) erinnern an die kontinuierlichen Brennanlagen, die ab 1818 in der Gascogne entstanden sind, und Hermbstädt bezeichnet die Anlage als “perpetuierlich”. 

Dass der Herr Ritter die Brennanlage auf seinem Gutshof aus Holz errichten ließ, ist indess ungewöhnlich. Holz war bei Brennanlagen in Deutschland verpönt. Auch in ihrem Gesamt-Layout und in der Art der Befeuerung weicht die Anlage von den bekannten Groß-Anlagen in Deutschand zu diesem Zeitpunkt deutlich ab, und erinnert eher an die Holzbrennblasen, die in den amerikanischen Appalachen und angrenzenden Gebieten in Mode waren. Es ist die Ähnlichkeit mit amerikanischen Brennanlagen (mehr darüber im nächsten Teil), die mich so verblüfft. Für diese Ähnlichkeit kann es verschiedene Gründe geben:

1. Die Anlage könnte von Aston nach Londoner Vorbild gebaut worden sein, und von London aus den Weg nach Amerika genommen haben? 

2. Der Tabakhändler Nauthusius könnte diese Art der Anlagen in Virginia kennen gelernt und nach Deutschland importiert haben?

3. Der aus Königsberg stammende Neubauer könnte die Anlage nach russischen Vorbildern entwickelt haben? Denn hier hatte Graf Dimitri von Subow 1816 einen ähnlichen Brennapparat entwickelt.

4. Der verschollene Neubauer könnte sich 1818 nach Amerika abgesetzt haben, wo er diese Anlage unter falschem Namen nachbaute und so zu ihrer Verbreitung beitrug?

Bild 26-C: Brennanlage von Nauthusius, 1823.

Die Idee, dass die Brennanlage von Nauthusius nach englischem oder amerikanischem Vorbild konstruiert wurde, ist reizvoll. Ich favorisiere jedoch Theorie C, denn die Anlage in Hundisburg zeigt große Ähnlichkeit mit der Anlage des Grafen Dimitri von Sudow. 

Die Ähnlichkeit mit Brennanlagen, wie wir sie ein Jahrzehnt später in den USA wieder finden, ist jedoch frappierend. 

Die Anlage wirkt wie ein “Missing Link”, wie ein Archeopterix der Brennapparate, der die Anlagen in Amerika und in Europa miteinander verbindet. Denn bei keinem der Brennapparate, die wir bisher betrachtet haben, war der Doubler so deutlich und so amerikanisch wie in Hundisheim bei Magdeburg.

Bild 26-D: Der Thumper Keg von Schloss Hundisburg.

Machen wir uns endlich auf den Weg zu den Brennblasen in der Neuen Welt.

Erste Zwischen-Bilanz: 

In Frankreich führte die Entdeckung von Eduard Adam 1801 in ganz Europa zu einer wahren Flut an Weiterentwicklungen. Frankreich war im Brennblasen-Fieber, und innerhalb von wenigen Jahren wurden mehr als dreißig neue Patente angemeldet. Mit dem Doubler ließ sich eine mehrfache Destillation bei nur einem Brenndurchgang durchführen. Vor allem für die kleinen, mobilen Brennanlagen auf Rädern war der zeit- und platzsparende Doubler ein großer Gewinn.

In Preußen, Irland und Schottland konnte der Doubler nie richtig Fuß fassen, da er entweder nur unzulänglich verstanden oder von den Steuergesetzen verhindert wurde.

Der Forscher-Eifer jener Jahre führte schon bald zur Erfindung des Vorwärmbehälters, der Säulenanlage und der kontinuierlichen Destillationsmethode. Spätestens gegen Ende des 19. Jahrhunderts dominierte in Europa das kontinuierliche Brennverfahren der Säulendestillation. Die Erfindung von Vorwärmer, Glockenböden und Pistorius-Becken wurde wegweisend, Reflux-Elemente und Dephlegmatoren wurden bald zur Selbstverständlichkeit. Brennapparate aus Holz konnten sich in Europa nicht durchsetzen, Kupfer blieb die erste Wahl.

Die großen Anlagen der kommerziellen Brennereien wurden immer komplexer, effizienter, komplizierter und teurer. Die vergleichsweise langsame Batch-Destillation des Doublers hatte ausgedient, noch ehe sie richtig erblühen konnte.

Im südlichen Polen hingegen entwickelte der Agrartechniker Kasperowski eine kleine Destille mit Doubler für den Hausgebrauch. Benutzt hat er dazu eine Alembic, eine Kühlschlange und eine Woulfesche Flasche. Die große Stärke des Doublers liegt in der Einfachheit seiner Anwendung. 

Vorbild für die Anlage von Kasperowski war die hölzerne Dampf-Brennanlage des russischen Grafen Dimitri von Subow. Die Anlage besaß einen klassischen Doubler, der hier als “Beikufe” bezeichnet wurde. Der Doubler hat in Europa nie einen eigenen Namen bekommen. 

Zwischen 1814 und 1823 wurde in Hundisburg bei Magdeburg ein hölzerner Brennapparat mit Doubler gebaut, der für Deutschland sehr untypisch war und eher an die Anlagen in der Gascogne und in den amerikanischen Appalachen erinnert. Die Herkunftsgeschichte dieses Brennapparates wirft viele Fragen auf. 

Ausblick:

Der vierte Teil der Reihe führt uns so also zurück nach Nord-Amerika. Und dort werden wir der hölzernen Brennanlage und dem Doubler von Hundisburg wieder begegnen. 

Wie der „Thumper Keg“ die Brennanlagen revolutionierte – Teil 2

Von Margarete Marie

Vom Ei zur Säule

Heute wird es ein bisschen technisch. Um die Entwicklung besser verstehen zu können, müssen wir uns zunächst die Funktionsweise von einigen Brennanlagen anschauen. Die reine Lesezeit ist 9 Minuten. Aber bis man die Schaubilder verstanden hat, könnte es etwas länger dauern 😉 Am besten macht ihr es euch im Sessel bequem, und trinkt einen guten Whisky dazu. Wenn ihr die Entwicklung in Frankreich „geschafft“ habt, dann wird es einfacher. Versprochen.

4. Es dampft in Montpellier

Beginnen wir unsere Suche nach dem amerikanischen „Thumper Keg“ zunächst in Montpellier. Denn hier soll angeblich der Thumper Keg erfunden worden sein. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in französischen Brennereien eine Fülle von Neu-Entwicklungen, und Dampf stand dabei im Mittelpunkt.

Bild 4: Experiment mit Woulfeschen Flaschen (Abbildung aus Wikipedia)

Schon 1775 hatten James Watt und Matthew Boulton ihre Dampfmaschine auf den Markt gebracht. Doch erst als 1800 das Patent für ihre Erfindung abgelaufen war, begannen auch andere Forscher, sich intensiver mit der Konstruktion von Dampfmaschinen zu befassen. In den kommenden Jahrzehnten wurde Dampf das neue Zauberwort, und das Dampfzeitalter kam in Schwung. Auch die Brennmeister der damaligen Zeit begannen, mit Dampf zu experimentieren.

Einer dieser französischen Brennmeister mit Forschergeist war Eduard Adam, dem die Stadt Montpellier sogar eine Statue gewidmet hat. 1801 gelang Adam eine entscheidende Entdeckung, als er beim Experimentieren mit einer sogenannten Woulfeschen Flasche Wasserdampf in kaltes Wasser leitete und feststellte, dass das kalte Wasser dadurch fast bis zum Siedepunkt erhitzt wurde. (Bild 4) Adam erkannte, dass man auf diese Art die Energiekosten beim Destillieren von Wein gewaltig reduzieren konnte.

Bild 5: Adamsche Brennanlage

Er begann, mit Brennapparaten zu experimentieren, indem er Weintreber in einen Behälter mit mehreren Kammern füllte, den Behälter mit einer Brennblase verband und den Dampf aus der Brennblase mit einem Kupferrohr von Kammer zu Kammer leitete, um ihn dann mit einem weiteren Rohr in das Kühlfass einzulassen (Bild 5). 

Während der alkoholhaltige Dampf auf diese Art von einer Kammer in die nächste geleitet wurde, erhöhte sich sein Alkoholgehalt deutlich. 1801 meldete Adams seine Brennblase zum Patent an. Der Doubler war geboren. Doch damit ging die Entwicklung erst so richtig los.

Adam baute zusätzlich eine Vorrichtung ein, um den Wein vorzuwärmen, der beim folgenden Brennvorgang in die Brennblase kam. Dazu montierte er vor dem Wasserfass mit der Kühlschlange noch einen weiteren Behälter mit Kühlschlange, der Wein enthielt. Der Dampf, der durch die Kühlschlange verlief, erwärmte den Wein, der beim nächsten Destillationsvorgang dann über eine Leitung in die Brennblase floss. (Bild 5)

Bild 6: Verbesserte Brennanlage nach Adam mit eierförmigem dreifach Doubler und Vorwärmbehälter (Abb. Wikipedia)

Zunächst erlebte Adam einen Rückschlag. Sein Brandwein entwickelte zunehmend einen schlechten Geschmack. Adam fand heraus, dass sich in den Winkeln der eckigen Kammern Weinstein abgesetzt hatte. Um diese Ablagerungen zu verhindern, veränderte Adam die Form und setzte ab 1805 bei einem neuen Modell eierförmige Behälter ein. Je größer dabei die Anzahl der Eier war, die hintereinandergeschaltet wurden, desto höher war am Ende der Destillation der Alkoholgehalt (Bild 6).

Bild 7: Brennerei von Eduard Adam (Abb. aus Branntweinbrennerei in Frankreich, Antoine-Simon Duportal, 1812)

Das Prinzip der Dampfdestillation, das Adam entwickelt hatte, war bahnbrechend und spornte viele Brennmeister zu weiteren Entwicklungen an. Innerhalb weniger Jahre stieg die Anzahl der Patente für Brennblasen in Frankreich sprunghaft an. 

In nur zwei Jahrzehnten sollte Adams Erfindung die Brennereien dieser Welt nachhaltig verändern.

5. Der schnelle Weg zur Säulendestillation

Adam war nicht der einzige, der zu dieser Zeit mit Brennblasen experimentierte. François René Curaudau war ein französischer Apotheker, der sich vorrangig mit Forschungsarbeiten an Brennöfen befasste, um ihre Effizienz zu steigern. Curaudau experimentierte auch mit Brennapparaten und entwarf um 1806 ein Modell, das kompakter als die Anlage von Adam war und in die Höhe ging.

Curaudau montierte in der Brennblase mehrere Roste übereinander, auf die er Treber plazierte. Dann ließ er aus einem höher montierten Vorwärmer den vorgewärmten Wein in die Brennblase laufen. Der Wein erhitzte sich und der aufsteigende Dampf strich Stufe für Stufe durch die Roste, wobei er den Alkohol aus dem Treber löste. Dabei entstanden immer wieder Rückfluss-Effekte, die zu einer Steigerung der Alkoholkonzentration führte, je höher der Dampf aufstieg. Curaudau nannte sein Verfahren „Distillation à chauffe-vin“ oder „Distillation à double-effet“, da er Vorwärmer und Reflux-Kondensator miteinander kombinierte. (Bild 8) 

Curaudau war vermutlich der erste, der das Prinzip der Gegenstromführung von Dampf und Flüssigkeit verstand (Flüssigkeit fällt nach unten – alkoholhaltiger Dampf steigt nach oben). Bis zur Erfindung der Säulendestillation war es jetzt nur noch ein kleiner Schritt.

Bild 8: Brennanlage von Curaudau (Abbildung aus The Distiller, 1818, Harrison Hall)

Es war jedoch Jean-Baptiste Cellier-Blumenthal, der 1813 die Anlage vollends in die Höhe baute und die Glockenbodenkolonne erfand. Sie kam erstmals in Belgien zum Einsatz. Doch wir wollen an dieser Stelle nicht die Entwicklung der Säulen-Destillation weiterverfolgen. Uns interessiert der Thumper Keg.

Bild 9: Säulen-Brennanlage von Cellier-Blumenthal, die auf dem Doubler-Prinzip aufbaut (Abb. Wikipedia)

 6. Armagnac

In dem kleinen Städtchen Auch im Süd-Westen von Frankreich experimentierte der Ofenbauer Jaques Tuillière der Jüngere ebenfalls mit neuen Technologien, um seine Öfen effizienter zu gestalten.  Inspiriert von den Brennanlagen von Adam, Curaudau und Blumenthal entwickelte er eine kontinuierliche Dampf-Destillationsanlage, die er 1818 zum Patent anmeldete.  

Tuillière gilt als Erfinder der Armagnac-Brennapparate. Leider habe ich keine Zeichnung dieser Anlage finden können. Wenn wir aber Armagnac-Brennblasen mit den Anlagen von Cellier-Blumenthal und Egrot (Bild 9 + 10) vergleichen, dann können wir sehr schön nachvollziehen, wie sich die Armagnac-Brennapparate ab 1818 entwickelt haben. Alte Armagnac-Brennanlagen sind ein echtes Kind des Dampfzeitalters, und lassen mit ihrer urtümlichen, archaischen Schönheit das Herz jedes Steam-Punk-Fans höherschlagen. 

Eine Anlage, die in Frankreich sehr populär wurde, war die Anlage von Egrot aus Paris (hier in einer Variante von 1860).  Da sie vor allem in Armagnac-Brennereien eingesetzt wurde, möchte ich sie hier näher beschreiben. (Bild 10). 

Bild 10: kontinuierliche Brennanlage nach Egrot

Die Anlage funktioniert wie folgt: Auf dem gemauerten Ofen (a), der die Brennblase enthält, erheben sich vier Destillierbecken A-A-A-A, und ein zylinderförmiger Rectificator (D), die mittels einem Rohr mit Dephlegmator, Vorwärmer (F) und Kühlapparat (G) in Verbindung stehen. Der Maischebottich (Z) befindet sich in einem oberen Stockwerk und wird mit Hilfe einer Pumpe und eines Steigrohrs (X) befüllt. Durch den Trichter (R) fließt der Wein aus dem Bottich durch ein Rohr (S) in den Kühlapparat, und von dort durch ein weiteres Rohr (K) in das obere der vier Destillationsbecken. Von dort gelangt er in zirkulierenden Bewegungen in die unteren Becken und schließlich auch in die Brennblase. Durch Erhitzen entstehen in der Brennblase Dämpfe, die den Wein zum Sieden bringen, so dass der Wein zunehmend kondensiert wird. Im Zylinder (D) werden die Dämpfe dephlegmiert, ehe sie schließlich im Kühlapparat kondensiert werden. Auf seinem Weg von der Brennblase in den Kondensator hat sich der Alkoholgehalt im Dampf zunehmend gesteigert. 

Verknappt formuliert, bewegt sich der Wein von oben nach unten und wird dabei immer wärmer und der Dampf bewegt sich gleichzeitig von unten nach oben und nimmt dabei immer mehr Alkohol auf, den er aus dem Wein herauslöst.

Bild 11: Brennanlage der Domaine d’Ognoas mit Doubler (Abb. Wikipedia)

Die älteste Armagnac-Brennanlage befindet sich heute auf der Domaine d’Ognoas und stammt vermutlich aus dem Jahre 1830. Sie ist bereits genau so aufgebaut wie die spätere Egrot-Anlage (siehe oben, Bild 9). Aber hier finden wir tatsächlich noch den Doubler (Bild 11, links), der bei den späteren Entwicklungen verschwunden ist. Von der Brennblase bei Ognoas ist nur den Helm sichtbar, der Rest ist im Ofen eingemauert. Vom Helm aus führt ein Rohr in den Doubler. Der Wein im Doubler wird nicht über den Ofen erhitzt, sondern über den Dampf aus der Brennblase. 

Eine schöne Graphik zur Veranschaulichung findet ihr auf der Website der Domaine d’Ognoas. Man spricht auf der Website aber nicht von “Brennblase” und “Doubler”, sondern von “First Boiler / Première Chaudière” und “Second Boiler / Deuxième Chaudière”. 

Wie wir beim Vergleich der Anlagen der Domaine d’Ognoas und der späteren Anlage von Egrot erkennen können, ist der Doubler irgendwann überflüssig geworden und ist verschwunden. 

Eine gute Vorstellung, was “Gegenstromführung” bedeutet, gibt auch das folgende Video. Die Armagnac-Anlagen sehen heute immer noch so aus wie früher bei Monsieur Egrot. Der Doubler, des es bei der Domaine d’Orgnoas noch gibt, ist in der Video-Darstellung nicht mehr dabei.

Eine Besonderheit sind die mobilen Anlagen der Armagnac-Brenner, die mit ihrem Wagen von Weingut zu Weingut fuhren und auf kleinstem Raum eine komplette Brennanlage unterbringen mussten. Der Doubler war für sie besonders geeignet. 

Die folgende Zeichnung zeigt ein Modell von Villard Rotner von 1892 (Bild 12), das noch einen Doubler verwendete:

Bild 12: Modell eines Brennapparates für Armagnac mit Dampfkocher (A), Brennblase in Tonnen-Form (B) und Doubler (c) (Abb. aus Brandy Distillation, California, 1892)

Der Dampf wird im Kessel (A) erzeugt, unter dem sich der Feuerraum (F) befindet. Von dort wurde der Dampf in die eigentliche Brennblase (B) geleitet, die eine zylindrische Form angenommen hatte. Um die Beladung der Brennblase zu vereinfachen, wurde ein spezieller, perforierter Einsatz, in dem sich Trester befand, mit Hilfe eines Krans in die Brennblase eingesetzt. Von der Brennblase floss der alkoholhaltige Dampf in den Doubler (C), und von dort in den Kondensator (E) mit Kühlschlange. Kaltes Wasser wurde zunächst in den Kühler gepumpt, und von dort dann in den Dampfkessel geleitet. Pro Stunde konnten so 15-17 Liter Weinbrand mit ca. 50% Alkoholgehalt destilliert werden. Obwohl hier keine Pot Still bzw. Alembic benutzt wird, handelt es sich um eine zweifache Batch-Destillation – aber in nur einem Brenndurchgang.

In Deutschland wurden diese fahrbaren Brennanlagen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenfalls populär. Hier ein späteres Modell der Firma Leinhaas im sächsischen Freiberg von 1895 (Bild 13):

Bild 13: mobile Dampf-Brennanlage aus Sachsen.

Leinhaas gehörte zu den Großen seiner Zunft. Anfang 1876 erwarb der Ingenieur Eduard Leinhaas die G. C. Köhler Kupferschmiederei und Maschinenfabrik, in der Apparate und Maschinen für Kartoffelbrennereien hergestellt wurden. Leinhaas entwickelte auch Anlagen für Getreide, Mais und Zuckerrohr. Um die Jahrhundertwende lieferte die Firma weltweit, auch nach Amerika und Brasilien. So schön diese Anlagen auch waren – einen Doubler werden wir hier nicht mehr finden. 

7. Cognac

Auch die Cognac-Produzenten begannen, mit neuen Technologien zu experimentieren. Vermutlich wurden auch in der Charente Doubler ausprobiert. Aus der Zeit vor 1850 habe ich aber keine Darstellung finden können. Später integrierte man einen Vorwärmer in die Brennanlage und montierte einen Reflux-Kondensator auf die Brennblase, mit dem eine Zweifach-Destillation bei nur einem Brenndurchlauf möglich war. Die Anlage war jedoch relativ kompliziert und irgendwann verschwand der Reflux-Aufsatz wieder. Der Vorwärmer hingegen blieb und gilt heute als typisches Element einer Charente-Brennanlage.

Bild 14: Alte Brennanlage aus der Charente mit Alembic, Reflux-Aufsatz, Kondensator und Vorwärmer. (Abb. aus Brandy Distillation, 1892)

Fazit:

Bereits ab 1813 wurden in Frankreich die Doubler mit Säulen-Aufbauten kombiniert, und der Doubler wurde zunehmend überflüssig. Die Brennanlage der Domaine d’Ognoas ist eine der wenigen (oder vielleicht sogar die einzige) Anlage in Frankreich, die noch immer einen Doubler hat. 

Nicht nur in Frankreich sorgte Adams Entdeckung für weitere Entwicklungen. Auch in Irland, Schottland, Deutschland und Polen entstanden neue Brennanlagen. Werden wir dort einen Doubler finden? 

Die Antwort gibt Teil 3 dieser Reihe.

Wie der „Thumper Keg“ die Brennanlagen revolutionierte – Teil 1

Von Margarete Marie

Einleitung

1. Thumper Keg – Wie bitte!?

Ehrlich gesagt, bis vor ein paar Wochen hatte ich keine Ahnung, was ein Thumper Keg ist. Doch für einen Beitrag über die Geschichte des amerikanischen Whiskeys im Magazin „Der Whisky-Botschafter“ wollte ich mehr über amerikanische Brennblasen wissen und bin bei meinen Recherchen auch auf den Thumper Keg gestoßen. Aus Schottland kannte ich das nicht. Dort wurde einmal gebrannt, mit einer „Singling Still“ und danach in einem zweiten Durchlauf mit der „Doubling Still“ der Feinbrand destilliert. 

Aber ein Thumper Keg? Was bitte ist das denn? Meine Neugier war geweckt, ich wollte mehr erfahren. Zu meiner Verwunderung habe ich dann festgestellt, dass es zum Thumper Keg kaum Informationen gibt. Die vorherrschende Meinung ist, dass er von Siedlern aus Europa in die amerikanischen Kolonien gebracht wurde. Wenn man jedoch historische Abbildungen von alten Brennblasen in Irland oder Schottland untersucht, werden sie immer ohne Thumper Keg dargestellt. Liegt sein Ursprung tatsächlich in der alten Welt? 

Ich wollte unbedingt mehr wissen und habe in unzähligen Online-Archiven herumgestöbert. Was ich entdeckte hat mich regelrecht überwältigt. Denn der Thumper hat innerhalb von nur zwei Jahrzehnten die Brennerei-Welt revolutioniert. Er war wahrscheinlich die wichtigste Entdeckung in der Geschichte der Destillation seit der Erfindung der Kühlschlange. Doch in Europa verlief die Entwicklung ganz anders als in der Neuen Welt. Ich lade euch deshalb ein, mich zu begleiten auf meiner Entdeckungstour um die halbe Welt. Stöbern wir also gemeinsam in alten Archiven herum, um dem Thumper Keg auf die Spur zu kommen.

Bild 2: Schaubild einer Brennanlage mit Brennblase, Thumper Keg (Doubler) und Kühlfass (Kondensator) (Abb. aus Monzert, Practical Distiller, 1889, Wellcome Library)

1. Moonshiners

Schauen wir uns zunächst die Funktionsweise eines Thumpers an (Bild 2). Der Thumper Keg stellt eine gewaltige Verbesserung der Brennanlage dar. Seine Funktionsweise ist denkbar einfach – und setzt gleichzeitig ein tiefes Verständnis für thermische Vorgänge voraus. Der Thumper sitzt zwischen Brennblase und Kühlschlange und wird etwa zu einem Drittel mit Wasser, Maische oder Bierwürze gefüllt. Beim Brennvorgang steigt der alkoholhaltige Dampf zunächst in der heißen Brennblase auf und wird dann über ein Rohrstück bis auf den Boden des Thumper geleitet, wo er sich wieder abkühlt und verdichtet. Dabei gibt er Wärme an das Umgebungsmaterial ab, das sich langsam aufheizt und schon bald anfängt zu kochen. 

Dadurch entstehen im Thumper erneut alkoholische Dämpfe, die aufsteigen und in das Kühlfass bzw. den Kondensator fließen. Der Thumper bewirkt somit eine zweite Destillation bei nur einem Brenndurchlauf, und erhöht den Alkoholgehalt des Destillats. Ein zweiter Brenndurchlauf wird überflüssig. So lässt sich Zeit, Energie und Geld sparen. In der Serie Moonshiners arbeiten die beiden Protagonisten „Mark“ und „Digger“ häufig mit einem Thumper Keg (Bild 1). 

Bild 3: Adam Still in der Renegade Distillery (Bild PR)

2. Thumper, Bubbler oder Doubler?

Auch in legalen amerikanischen Brennereien kennt man den Thumper. Bei den großen Bourbon-Produzenten in Kentucky und Tennessee findet die erste Destillation üblicherweise in einer einfachen kontinuierlichen Säule statt, während die zweite Destillation oft in einem Thumper bzw. Doubler durchgeführt wird.  

Um die Sache kompliziert zu machen, unterscheiden amerikanische Brennereien zwischen einem Thumper und einem Doubler. Von einem Doubler spricht man, wenn sich der alkoholhaltige Dampf bei der Ankunft im Doubler bereits wieder verflüssigt hat. Bei einem Thumper befindet sich der Alkohol noch im gasförmigen Zustand, wenn er den Thumper erreicht. Manche amerikanischen Brennereien arbeiten mit einem Thumper, andere mit einem Doubler, manche haben beides. Sowohl Thumper als auch Doubler bewirken eine zweite Destillation, und sind in ihrer Funktionsweise ähnlich. Da in alten Abhandlungen und Zeichnungen der Thumper oft als Doubler bezeichnet wird, kann dies zu Begriffsverwirrungen führen. 

In der Karibik kennt man den Thumper auch (Bild 3), dort heißt er „Retort“, „Bubbler“ oder „Cornue“. Aber eigentlich ist jedes Mal das gleiche gemeint. Ich verwende aus diesem Grund im folgenden Text die Begriffe Thumper, Doubler, Bubbler und Retort synonym. 

Eine differenzierte Betrachtung, welche amerikanische Whiskey-Brennerei mit einem Thumper und welche mit einem Doubler arbeitet und warum, muss auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. 

In diesem Beitrag geht es um die Herkunft des Doublers und die Frage, wie die heutigen Brennblasen zu dem wurden, was sie sind. 

Auf geht‘s – Back to the Roots! Tauchen wir ein in die Welt der Dampfmaschinen. Denn dort liegt der Ursprung des Thumper Keg.

Dieser Beitrag wurde uns freundlicherweise von der Whiskybloggerin Margarete Marie bereitgestellt. Zu Ihrem Blog geht es hier: whiskyundfrauen. auch für männer.