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Bild 27-A: Brennerei, um 1705 (Abb. aus Compleat Distiller, London 1705). Leben an der "Frontier" - Flußfahrt über den Ohio. Holz war hier keine Mangelware.
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Von Margarete Marie

Von Holzbrennblasen und Bourbon Steam

Die ersten Europäer, die sich dauerhaft in Amerika niederließen, waren die Spanier. Franzosen, Engländer, Holländer und Schweden sollten bald folgen. Schnaps aus Zuckerrohr, Roggen oder Mais wurde schon bald ein wichtiges Handelsprodukt.

Als die Holländer 1626 Manhattan besiedelten, war Amsterdam ein Zentrum der Destillierkunst. Destillierter Alkohol wurde damals vor allem bei der Produktion von medizinischen Tränken verwandt, doch die Holländer erkannten schnell, dass Branntwein auch ein Wirtschaftsgut sein konnte.In Amsterdam wurde 1575 die Brennerei Bols gegründet, die heute eine der ältesten der Welt ist.  1640 wurde die erste kommerzielle Brennerei in Nordamerika von den Holländern auf Staten Island errichtet. 

Die Brennapparate der damaligen Zeit bestanden aus Brennblase, Helm und Schwanenhals, und die Kühlschlange war auch schon erfunden. Das Vorläufer-Modell, eine kleinere Alembic mit einem aufgesetzten Kühl-Kopf, der das Kühlwasser enthielt, war immer noch weit verbreitet. Da diese Anlage preiswerter und kleiner war, wurde sie zumeist für die zweite Destillation bzw. Rektifikation benutzt.

Doch 1648 kannte man in Amsterdam noch eine andere Möglichkeit der Destillation.

Bild 27-B: Brennapparat mit Low-Wine-Still (links) und kleiner Alembic als Spirit Still bzw. zur Rektification (rechts), 1705

15. Johann Rudolf Glauber und die Erfindung der Dampfdestillation

Lasst uns auf unserer Suche nach der Verbreitung des Thumper Keg noch kurzen Zwischenstopp in Amsterdam einlegen, ehe wir in die Neue Welt reisen.  Dort lebte 1648 der deutsche Alchemist und Apotheker Johann Rudolf Glauber, der um 1604 in Karlstadt in der Nähe von Würzburg geboren wurde und einer der bedeutendsten Chemiker seiner Zeit war. Er ist heute vor allem für seine Erfindung des Glauber-Salzes bekannt. 

Bild 27-C: Brennanlage mit Alembic und Kühlfass von 1648(Abb. aus Glauber)

Glauber war viele Jahre in Gießen, Frankfurt, Wertheim und Kitzingen tätig und mit der Destillation und dem Werk von Hieronymus Brunschwieg bestens vertraut. Zwischen 1640 und 1656 lebte und arbeitete er mit Unterbrechungen in Amsterdam, wo er den aus Hanau stammenden Arzt Franciscus Sylvius traf. Sylvius entwickelte mit Unterstützung von Glauber einen Verdauungsschnaps auf der Basis von Wacholder, und gilt deshalb als Erfinder der Rezeptur für Genever. 

Die Destillation von Alkohol war zu diesem Zeitpunkt entlang des gesamten Rheintals von Straßburg bis Rotterdam bekannt. Die Brennanlagen bestanden aus einer Alembic, die aus Glas, Ton oder Kupfer sein konnte sowie einer Kühlschlange im Wasserfass (Bild 27-C).

Bild 27-D: Dampfdestillationsgerät nach Glauber, 1648

In den folgenden Jahren hat Glauber seine chemischen Erkenntnisse in einem fünfbändigen Werk zusammengefasst, das 1648 in Amsterdam gedruckt wurde. Und in diesem Werk finden wir auch erstmals die Darstellung eines Destillierapparates, der mit Dampf betrieben wurde und bei dem die klassische Alembic-Brennblase, wie sie bis dahin üblich war, durch ein Holzfass ersetzt wurde. (Bild 27-D). 

Die Glaubersche Dampfdestille hat sich scheinbar nicht nur in Amsterdam, sondern auch in den holländischen Kolonien rasch verbreitet, denn Kupfer war in den Kolonien Mangelware. Schon 1640 hatten die Holländer auf Staten Island eine Brennerei etabliert. Nur 12 Jahre später erwarb George Fletcher in Virginia das Privileg, „to distil and brew in wooden vessels“. Glaubers hölzerne Dampf-Brennblase war offensichtlich bereits 1652 in der neuen Welt angekommen. 

Bild 28-A: hölzerne Dampfdestille von 1808 (Library of Congress)

Es scheint, als habe sich Glaubers Modell die nächsten 150 Jahre kaum verändert. 1808 beantragten Eli Barnum und Benjamin Brooks in New Marlboro, Massachusetts, ein Patent für einen Brennapparat, der sich nur durch einen kupfernen Fassdeckel von Glaubers Anlage unterscheidet. (Bild 28-A). Die Ähnlichkeit mit der Anlage von Glauber (Bild 27-D) ist verblüffend. Die Idee, mit Dampf zu destillieren, war also keinesfalls neu, und in Amerika weit verbreitet, wie wir später noch sehen werden. Doch was dieser Anlage immer noch fehlt, ist der Doubler.

Bild 28-B: Dampfdestillationsgerät aus Holz von Glauber, 1646 (gespiegelt)

Das Buch von Glauber enthüllt eine große Überraschung: er kannte den Doubler bereits. Doch es scheint, als habe Glaubers doppelter Destillierapparat zunächst keine Beachtung gefunden. Die “Papegaai”-Brennerei in Delft hat jedenfalls 1790 einfache Potstills aus Kupfer, mit direkter Befeuerung und ohne Doubler gehabt. Erst mit Eduard Adams Brennanlage von 1801 sollte sich das ändern. 

Bild 28-C: Holländische Pot Stills der Brennerei De Papegaii, Delft, ca. 1790 (Abb. Stadtarchiv Delft)

16. Dampf-Fieber in Pennsylvanien

Auch in Amerika war man nach der Revolution im Dampfmaschinen-Fieber und die Entwicklung von Dampfschiffen für den Warentransport auf Mississippi und Ohio erlebte einen enormen Aufschwung. Man blieb nicht bei der Schifffahrt stehen, andere Einsatzmöglichkeiten von Dampf wurden ebenfalls entwickelt und die Veröffentlichungen der französischen, holländischen und englischen Wissenschaftler zu den Einsatzmöglichkeiten von Dampf wurden eifrig studiert. 

Bild 29: Brennblase von Alexander Anderson mit Pot Still, Rummager, aufgesetztem Vorwärmer und eierförmigem Doubler (Abbildung aus The Distiller, 1818, Harrison Hall)

In Pennsylvanien gab es damals eine enorme Anzahl von Brennereien. Die früheste Erwähnung eines Doublers geht auf Colonel Alexander Anderson aus Columbia in Pennsylvanien zurück, der am 26.1.1801 seine neue Brennblase zum Patent anmeldete. Damit ist er dem Franzosen Eduard Adam um einige Monate voraus gewesen. 

Andersons Brennanlage fand zunächst wenig Beachtung, erst nach einer Weiter-Entwicklung 1805 durch Henry Witmer wurde sie populär in Pennsylvanien. Da in Pennsylvanien kein Wein, sondern überwiegend Roggen-Whisky gebrannt wurde, besaß die Brennblase einen sogenannten Rummager, der mit einer Handkurbel betrieben wurde, und mit dem man beim Brennen verhinderte, dass sich die festen Bestandteile in der Maische am Boden absetzten. Auf den ersten Blick sah die Brennblase wie eine klassische Pot Stil aus. Sie verfügte jedoch zusätzlich über einen Aufsatz, in dem sich der eiförmige Doubler befand, der eindeutig von Adams Erfindung beeinflusst war. Spätestens ab 1805 war das Adamsche Ei in Pennsylvanien bekannt.

Das Interesse an neuen, effizienteren Methoden bei der Destillation war in Amerika groß. 1815 veröffentlichte Harrison Hall in Philadelphia ein Handbuch für Destillateure, in dem er die neuesten Erkenntnisse zusammengetragen hatte und auch die Dampfdestillation ausführlich beschrieb. Das Buch trug mit dazu bei, dass sich die technologischen Erkenntnisse rasch von Pennsylvanien über Maryland bis nach Virginia, Kentucky und Georgia verbreiten konnten. Bereits drei Jahre später erschien die zweite Auflage. Als 1817 die Alkoholsteuer für Brennereien in den USA abgeschafft wurden, konnte sich das Brennereiwesen – im Gegensatz zu Europa – frei entfalten.

Bild 30: Hand buch der Destillation von Harrison Hall, erste Auflage 1815 (Abbildung aus The Distiller, 1818, Harrison Hall)

Überall im Land begannen die Brennerei-Besitzer, neue Anlagen zu entwickeln und Patente anzumelden. Eine besonders schöne Anlage entwickelte 1836 Jakob Weitzel aus Lancaster in Pennsylvanien. Wie bei einer klassischen Brennanlage bestand die Apparatur aus Brennofen, Brennkessel, Brennhelm und Kondensator. In der Mitte der Brennanlage befand sich jedoch der Doubler, der wie ein überdimensioniertes Überraschungs-Ei aussah und an die Anlage von Adam und Anderson erinnert. Ähnlich wie bei der französischen Brennanlagen befand sich seitlich über dem Doubler ein Vorwärmer. Der Brennapparat kann seine französische Abstammung nicht verleugnen.

Bild 31: Brennanlage von Jacob Weitzel (Abb. Library of Cogress)

Weitzel stammte aus einer alten Brenner- und Brauer-Familie, die zur Herrnhuter Brüdergemeinde gehörte. Diese Religionsgemeinschaft war ab 1735 in die amerikanischen Kolonien ausgewandert und hatte sich zusammen mit Mennonitischen Glaubensflüchtlingen in Pennsylvanien niedergelassen. Die Moravier, wie sie auch genannt wurden, hatten in Deutschland viele Anhänger. Die Weitzels stammten ursprünglich aus Ingelheim, bei Mainz, und gehörten zur ersten Einwanderungswelle der Moravier. Johann Paul Weitzel oder Weytzel kam bereits 1742 in Pennsylvanien an. 100 Jahre später lebte sein Nachkomme Jacob Weitzel im Ort Lancaster, wo er als Kupferschmied seinen Lebensunterhalt verdiente. Pennsylvanien war damals ein Schwerpunkt des amerikanischen Rye-Whiskeys und in Lancaster County gab es eine große Vielzahl an Brennereien. Weitzel hat vermutlich für viele von ihnen die Brennkessel gebaut und gewartet und kannte sich mit großer Wahrscheinlichkeit mit den verschiedenen Systemen gut aus. Sein Geschäft befand sich an der Ecke South Queen’s Street und Church Street. Weitzels Patent scheint viele Nachahmer gefunden zu haben, die seine Methode ohne Lizenz kopierten. 1848 war Weitzels Ärger über die illegalen Copycats so groß, dass er in einer Zeitungsannonce strafrechtliche Verfolgungen androhte.  Weitzel benutzt bereits den Begriff „Doubler“. 

Die Funktionsweise seiner Brennanlage hat er dabei folgendermaßen beschrieben:

„Die Verbesserungen bestehen aus einem zusätzlichen Gefäß, dem sogenannten Doubling-Gefäß, das etwas oberhalb der Brennblase angebracht wird. Dieses Gefäß enthält den Doubler. Die Bierwürze wird in das obere Gefäß gepumpt und fließt durch ein Rohr mit Hahn in das Doubling-Gefäß, wo es zum Kochen gebracht wird, ehe man es in die Brennblase einlässt. Das entsprechende Rohr kann mit einem Hahn aus Kupfer oder Holz geöffnet oder geschlossen werden.“ 

Auch im Südwesten von Deutschland wurde diese Art der Anlage irgendwann populär, und noch in den 1990er Jahren konnte man Anlagen mit einem seitlich angebauten „Doubler“ bzw. Verstärker in kleinen Landbrennereien finden.  Die Ähnlichkeit der Anlage von Weitzel und alten Brennanalagen aus Süddeutschland ist jedenfalls frappierend. (Bild 32)

Bild 32: alte Brennblase aus Südwestdeutschland (Abb. Wikipedia)

Aber kehren wir wieder zurück nach Pennsylvanien. Hier hatte bereits 1831 Charles Otis einen Brennapparat zum Patent angemeldet, und bei ihm kommen wir unserem Studienobjekt, dem Thumper Keg der amerikanischen Schwarzbrenner, endlich ein großes Stück näher. 

17. Leben an der “Frontier”: Der hölzerne Thumper Keg

Ein wichtiger Aspekt bei der Entwicklung von Brennblasen, der gerne übersehen wird, sind staatliche Vorschriften und Steuergesetze. Hier waren die Amerikaner lange Zeit im Vorteil: in den amerikanischen Kolonien wurde vor 1791 und von 1817 bis 1862 keine Steuern auf die Alkoholproduktion erhoben, so dass sich die amerikanischen Brennapparate in dieser Zeit frei von staatlichen Regularien entwickeln konnten. Vorherrschend in dieser Zeit waren kleine Farmdestillen, die an der Siedlungsgrenze („Frontier“) oft mit eingeschränkten Ressourcen zurechtkommen mussten. 

An der „Frontier“ nahm die Entwicklung einen ganz anderen Verlauf, wie die Brennanlage von Charles Otis zeigt.

Bild 33: Brennanlage von Charles Otis mit Brennofen, Pot Still, hölzernem Doubler, Aufwärmer und Kühlfass (Kondensator) (Abb. Library of Cogress)

Charles Otis stammte aus Tunkhannock, einer Siedlung im Nordosten von Pennsylvanien. Dort betrieb er seit mindestens 1816 eine Gaststätte mit Poststation. Das Anwesen lag an einer wichtigen Verkehrsachse und vermutlich gehörte auch eine Brennerei dazu. Wie bei Weitzel ist auch die Anlage von Otis mit einen Doubler und einen Vorwärmer ausgestattet, doch die Anlage wirkt sehr viel robuster und schlichter. Die Wahl der Materialien hat Otis an seine pennsylvanische Heimat angepasst. In den amerikanischen Kolonien war Kupfer Mangelware und extrem teuer. Holz hingegen gab es in rauen Mengen. Thumper Keg, Heater und Kondensator hat Otis deshalb aus Holz gebaut. Was wie eine einfache Pot Still mit drei Holzeimern aussieht, ist in Wirklichkeit eine technologisch wohl durchdachte und äußerst komplexe Anlage. Das Wort „Doubler“ benutzt Otis nicht, er spricht nur von einem „tub for low wines“ (Gefäß für den Rauhbrand). 

Das linke Holzgefäß entspricht einem Doubler und erhöht den Alkoholgehalt, der mittlere Holzeimer funktioniert wie ein Vorwärmer und der rechte Holzbottich ist der Kondensator. Hier erinnert nichts mehr an die Adamschen Eier, der Doubler hatte endlich seine amerikanische Form gefunden. Noch 50 Jahre später waren solche Brennanlagen in weiten Teilen der USA verbreitet, wie beispielsweise für die Brandy-Destillation in Californien.

Bild 34: Schema einer Brennanlage mit Doubler und Vorwärmer in Kalifornien (Abb. aus Brandy Distillation, California, Board of State Viticultural Commissioners, State Office, 1892)

18. Baumstamm-Destille und Bourbon Steam

Ganz anders sahen die dampfbetriebenen Brennanlagen in Kentucky und angrenzenden Gebieten aus, wo die Verkehrsanbindung an den Osten nur unzureichend war. Kupfer war hier noch schwieriger zu erhalten als im nördlichen Pennsylvanien. Hier entwickelten Thomas Lawes & Philip Grosjean aus Louisville im Jahre 1828 ein Modell, bei dem die klassische Brennblase durch einen zylindrischen Kocher ersetzt wurde. 

Die Anlage bestand aus Boiler (A), Ofen (B), Dampfrohr (G), Doubler (C), Vorwärmer (D), und Kondensator. Destillation mit Dampf war in Kentucky eine beliebte Methode, und wurde als „Bourbon Steam“ bezeichnet. Der Doubler war beim „Bourbon Steam“ unverzichtbar. So ganz scheint diese Neuentwicklung die Patent-Richter jedoch nicht überzeugt zu haben. Sie monierten, dass ihnen nicht klar sei, worin die Verbesserung bei dieser Anlage denn eigentlich bestehe. Der Kommentar macht deutlich, dass diese Art der Destillation in Kentucky bereits bekannt war.

Bild 35-A: Brennanlage aus Kentucky mit Doubler (Abbidlung Library of Congress)

Der Boiler hat hier die Form einer Truhe angenommen, und irgendwie erinnert mich das sehr an den Boiler der Brennanlage von Schloss Hundisburg, der einige Jahre früher entwickelt worden war. (Bild 35-B).  Philip Grosjean war erst zwei Jahre zuvor in die USA eingewandert. Ich habe leider nichts über seine Herkunft herausfinden können. Hatte Grosjean solche Truhen-Boiler in Europa kennen gelernt?

Bild 35-B: Ausschnitt aus der Brennanlage in Hundisburg, Blick von oben

Auch bei der Armagnac-Destillery von d’Ognoas  gibt es einen solchen Boiler, der jedoch seltsamerweise nicht als Boiler, sondern als Doubler benutzt wird. (Bild 35-C)

Bild 35-C: Bildausschnitt Brennerei d’Ognoas, Armagnac, ca. 1830

Eine ganz besondere amerikanische Erfindung ist die einzigartige „Log Still“. Baumstämme gab es in den Appalachen mehr als genug, und die Log Still, die aus einem Baumstamm gefertigt wurde, bot eine preiswerte Variante. (Bild 36) Diese Baumstamm-Destille basierte auf dem gleichen Prinzip wie die obige Dampf-Destille von Lawes und Grosjean aus Kentucky. 

Die folgende Abbildung stammt aus dem Buch von Hamilton Hall (2. Auflage, 1818), und zeigt die Baumstamm-Destille im Querschnitt. Betrieben wurde sie mit Dampf, der im Boiler (1) erzeugt wurde. Links vom Boiler befand sich ein Fach (W), in dem Wasser erhitzt wurde, mit dem man die Maische ansetzte. Dort war auch ein Sicherheitsventil gegen Überdruck eingebaut. Rechts vom Boiler befanden sich (2 + 3) die Beer Tubs, die die Bierwürze enthielten. Daran schloss sich (4) der Doubler an. Während der Destillation stieg der Alkoholgehalt im Dampf auf seinem Weg durch die einzelnen Abteilungen immer weiter an. Der alkoholhaltige Dampf wurde dann vom Doubler über eine Kupferspirale in ein Kühlfass geleitet. 

Die Anlage ist ein Meisterwerk an Ingenieurskunst und technischem Know-How und verblüfft gleichzeitig mit ihrer Schlichtheit, bei der mit einfachsten Materialien eine komplexe und funktionierende Apparatur erschaffen wurde. Sie ist ein eindrucksvoller Beleg für die Genialität der frühen Pioniere, die überwiegend mit den Dingen auskommen mussten, die die Natur ihnen lieferte und die dabei Enormes zustande brachten. Die Moonshiners, die Schwarzbrenner der Appalachen, stehen bis heute in dieser Tradition.

Bild 36: Log Still (Baumstamm-Brennapparat) (Abb. aus Hall, 1818)

Entwickelt wurde die Anlage von Robert Gillespie, der sie 1810 unter dem Namen „Columbian Independent Log-Still“ zum Patent anmeldete. Vor allem in Kentucky und Tennessee wurde diese Brennblase sehr populär. Sie wurde aus einem einzigen Baumstamm herausgearbeitet, und die Form der Behälter konnte individuell angepasst werden. Es gab die Log Still in vier verschiedenen Größen von 15 bis 24 Fuß und die Ausbeute betrug pro Durchlauf zwischen 180 und 50 Gallonen. Ein Vorteil der „Log Still“ waren die geringeren Herstellungskosten, die nur ein Drittel des Preises für herkömmliche Brennanlagen betrugen.  Auch die Anlage von P.M. Hackley (Bild 37-A) aus dem Herkimer County, N.Y., hat keine kupferne Alembic benötigt, die Brennblasen für den Rauhbrand (B) und den Feinbrand (c) hatten die Form einer gewöhnlichen Tonne – auf Englisch „Keg“. Das Patent wurde am 11. Januar 1811 beantragt.

Bild 37-A: Brennanlage von Hackley (Abbildung aus The Distiller, 1818, Harrison Hall)

Die Anlage hat große Ähnlichkeit mit dem russischen Brennapparat von Graf Dimitri von Subow, die um 1817 gebaut wurde, aber erst einige Jahre später in einer Veröffentlichung publik gemacht wurde. Waren beiden Anlagen tatsächlich unabhängig voneinander entstanden? Zum Vergleich habt ihr hier noch mal das Foto aus dem vorherigen Post (Bild 37-B).

Bild 37-B: Subowscher Brennapparat, Russland 1817

1818 hatten auch Alexander Anderson und Harrison Hall in Philadelphia ein ähnliches Modell entwickelt. Auch ihr Brennapparatur verzichtete komplett auf eine klassische Brennblase und leitete den Dampf direkt in ein Holzgefäß, das die Funktion einer Brennblase hatte und wie ein „Doubler“ funktionierte. (Bild 38)

Bild 38-A: Brennanlage nach Anderson und Hall. Wash Still (C) und Doubler (E) sind aus Holz gearbeitet. (Abbildung aus The Distiller, 1818, Harrison Hall)

Der Dampf wurde direkt aus einem Boiler (A) in ein Gefäß aus Holz (C) geleitet, das die Bierwürze enthielt. Dort reicherte er sich mit Alkohol an und stieg entweder in den Kondensator (E) auf oder machte noch einen Umweg über ein kleineres Gefäß (F), das die Funktion einer Rektifizerungs-Anlage hatte. Im Kondensator kühlte der Dampf ab und floss in die Kühlspirale aus Kupfer (D), an dessen Ende dann das fertige Destillat aufgefangen wurde. Die Anlage hatte den Vorteil, dass sie nicht nur sehr wirkungsvoll, sondern auch sehr kompakt war. 

Bild 38-B: Nauthusiusscher Brennapparat von Hundisburg, ca. 1823

Die Ähnlichkeit der Anlage von  Hall und Anderson mit der Anlage von Hundisburg (Bild 38-B)  ist überraschend. Hatte Nauthusius seine Inspiration bei einer Geschäftsreise zu den Tabakplantagen in Virginia erhalten? Oder war seine Anlage auf Hundisburg nach russischem Vorbild entstanden? 

Ein besonders schönes Beispiel für eine amerikanische Dampf-Destille mit Thumper Keg zeigt die folgende Abbildung aus den Appalachen im nördlichen Georgia. (Bild 39) Dazu wird mit einem Boiler Dampf in mit Maische gefüllte Fässer gegeben. Sie entsprechen zwei Brennblasen bei der herkömmlichen Destillation.

Bild 39: Brennanlage aus North Georgia (Appalachen). Wash Still, Spirit Still und Doubler sind aus Holzfässern gearbeitet. (Herkunft der Abb. nicht bekannt)

Über kupferne Rohrleitungen gelangt der Dampf, der sich mit Alkohol anreichert, dann in den Doubler, von wo aus er in einen Kondensator aus Kupferrohr gelenkt wird. Alle benötigten Gefäße sind aus Holz gefertigt, lediglich die Rohrleitungen sind aus Kupfer. Leider ist mir der Ursprung dieser Zeichnung nicht bekannt. Vermutlich handelt es sich um eine Moonshine-Brennerei, die 1954 in Georgia, Warren County, entdeckt wurde. (Bild 40)

Bild 40: Foto einer Moonshine-Anlage in Georgia (Brennofen) (Abb. Library of Georgia)

Das nächste Bild habe ich auf der Website der Eidgenössischen Zollverwaltung stibitzt. Leider weiß ich nicht, wer das Foto gemacht hat oder wem die Anlage gehört. Aber irgendwie hat mich diese fahrbare Lohnbrennerei aus der Schweiz mit ihrem raketenartigen Brennofen und den zylinderförmigen Brennblasen an die Moonshine-Destille in Northern Georgia erinnert. Ob die Ähnlichkeit nur Zufall ist? (Bild 41)

Bild 41: fahrbare Brennerei, Schweiz (Bild EZV)

Kanadischer Holzkohle-Filter

Auch nördlich von Pennsylvanien finden wir die hölzernen Brennblasen wieder. Am Humber River, 7 Meilen entfernt von Toronto, betrieb Mr Robson um 1838 eine solche Brennanlage. Der Ofen wurde aus Ziegelstein gemauert. Die Anlage bestand aus erster (B) und zweiter (C) Brennblase, einem kleineren Doubler (D), einem Kühlfass mit Kühlschlange (E), zwei Filtrierbehälter (H + I), die mit Holzkohle gefüllt waren und durch die das Destillat in einen Auffangbehälter tropfte. In einem weiteren Behälter (K) wurde Wasser für die Zubereitung der Maische erhitzt. Destilliert wurden Roggen, Weizen und Mais. (Bild 42)

Bild 42: Brennerei in Kanada, Humber River, mit Holzkohle-Filter, 1838 (aus History of Inventions, Morewood)

Die ganze Anlage wirkt wohldurchdacht und hat große Ähnlichkeit mit den Anlagen aus den südlichen Appalachen. Interessant ist auch die Verwendung von Holzkohle-Filter. Dadurch wurden offensichtlich unerwünschte Fuselöle aus dem Destillat herausgefiltert. Bei Jack Daniels wird der Holzkohle-Filter bis heute angewandt.

Zweite Zwischenbilanz: 

Die Dampf-Destillation und das Destillieren im Holzfass war dem deutschen Alchemisten Rudolf Glauber bereits um 1640 bekannt. Vermutlich fanden die Glauberschen Dampf-Destillierapparate ihren Weg über Amsterdam in die holländische Kolonie auf Staten Island, von wo aus sie sich entlang der gesamten Ostküste rasch verbreitet haben. 

Die Destillation mit Dampf erlaubte den Bau von hölzernen Brennapparaten. Da Kupfer in den Kolonien sehr teuer und knapp war, ließ sich durch die Verwendung von Holzgefäßen bei der Destillation viel Geld sparen. Vor allem in den waldreichen Gebieten der Appalachen und Kanadas waren die Holz-Brennblasen deshalb sehr beliebt.

Als um 1800 die große Blütezeit des Dampfzeitalters begann, gab es neue Entwicklungen. In Pennsylvanien stießen die französischen Erfindungen mit Dampfdestillation sofort auf großes Interesse. In der Folgezeit entstanden von Pennsylvanien bis Georgia neue Brennsysteme, die auf dem Destillationsprinzip der Woulffschen Flasche basierten. 

Anders als in Europa war man in Amerika mit der Dampfdestillation bereits bestens vertraut. Während in Deutschland oder Irland die klassische Form der Alembic auf den Thumper übertragen wurde, hat man sich in Amerika schon früh von der Alembic-Form gelöst und die Brennapparate in Form von Fässern oder Tonnen gefertigt. Die Verwendung von Holz hat diese Form begünstigt. 

Während in Europa die Anlagen extrem komplex und kompliziert wurden, hat man sie in Amerika auf das notwendigste reduziert.

Ein besonders kurioser Brennapparat war die „Log Still“, die aus einem Baumstamm gearbeitet wurde. Da für einen Doubler kein Kupfer nötig war, wurde er schon bald zum charakteristischen Element der amerikanischen Brennanlagen. Er wird bis heute in den meisten der großen amerikanischen Brennereien in Kentucky und Tennessee verwendet.

Die Methode der Holzkohle-Filterung war 1838 in Kanada bekannt. Mit dieser Methode konnten unerwünschte Fuselöle aus dem Destillat der Holzbrennblasen herausgefiltert werden. 

Da in den amerikanischen Kolonien zwischen 1817 und 1862 keine Steuern auf die Alkoholproduktion erhoben wurden, konnten sich die amerikanischen Brennapparate in dieser Zeit frei von staatlichen Regularien entwickeln. Vorherrschend in dieser Zeit waren kleine Farmdestillerien, die an der Siedlungsgrenze („Frontier“) oft mit eingeschränkten Ressourcen zurechtkommen mussten. 

Ausblick:

Teil 5: Sugar & Rum. Ein Streifzug durch die Karibik auf der Spur von Thumber Keg und Doubler