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Bild 15: Pot Still und zwei Doubler in Pot-Still-Form, entwickelt von Hermbstädt. (Abb. Chemische Grundsätze, Hermbstädt, 1817).

Von Margarete Marie

Double double toil and trouble…

Die technischen Errungenschaften der französischen Brennereien blieben in anderen Ländern nicht unbemerkt. Während die Säule überall große Aufmerksamkeit fand, hatte der Doubler es ungleich schwerer. Und nicht jede neu entwickelte Anlage wurde damals ein Erfolg. 

8. Schottlands „Rapid distillation“

In Schottland wurden 1801 die Brennblasen ebenfalls eifrig weiterentwickelt und viele Patente angemeldet. Doch die schottischen Brenner gingen zunächst einen Sonderweg, der seine Ursache in den schottischen Steuer-Gesetzen hatte und mit dem sie außerhalb Schottlands niemanden begeistern konnten. Die technologischen Neu-Entwicklungen der Schotten basierten auf einer schnellen Destillation und flachen Brennblasen (Bild 16-A). 

Curaudau hielt diese flachen Brennblasen für eine Fehlentwicklung und schrieb 1809: „Die Destillation ist zweifelsfrei schneller in flachen Brennblasen. Aber der Branntwein, den man mit dieser Methode erhält, hat nichts von der Aromatik und dem Geruch, die einen gut gemachten Branntwein auszeichnen.“ 

Bild 16-A: flache Brennblase aus Schottland (Abb. Reports from Committees of the House of Commons).

Curaudaus Kritik war noch zahm. Antoine-Simon Duportal fand 1812 deutlichere Worte: „Es scheint indessen, dass die Schottländer bloß darauf Bedacht genommen haben, den Gang der Destillation im hohen Grad zu beschleunigen; ohne sich darum zu bemühen, ein besseres Produkt zu erhalten: denn ihr Branntwein besitzt stets einen widrigen Geruch und Geschmack, welches seinem guten Ruf sehr nachteilig ist.“ Dennoch waren die Schotten gut im Geschäft. Mit Wacholder ließ sich so mancher Fehlton übertünchen. Bis die Column Still nach Schottland kam, sollte es noch ein paar Jahre dauern.

Bild 16-B: Brennblase in Großbritannien für Malt-Whisky 1805 (Abb. aus Shannon).

Die flachen Brennblasen hatten 1823 mit der Reform der Steuergesetze ausgedient. Aufgrund der schlechten Erfahrungen, die man in Schottland geschmacklich mit der Rapid Distillation gemacht hatte, blieben viele Brennereien in den kapitalschwachen Highland Brennereien lieber bei der althergebrachten zweimaligen Destillation mit der klassischen Pot Still. So groß wie heute waren die Brennblasen damals keinesfalls, wie eine Abbildung von 1805 zeigt. Sie sind erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts größer geworden. (Bild 16-C)

Bild 16-C: Klassische Pot Still in Schottland, Kupferwerke John Smth & Co., Glasgow.

In den Lowlands beschäftigte man sich mit den Säulen-Anlagen, die zu diesem Zeitpunkt in Frankreich und Belgien bereits im Einsatz waren. Sie ermöglichten eine kontinuierliche Destillation und waren vor allem für größere Brennereien geeignet. 1828 meldete Robert Stein seine Säulen-Anlage zum Patent an.




Bild 16-D: Coffey Still (Abb. aus Chemical Technology, Charles Edward Groves 1889).

Zur gleichen Zeit entwickelte auch William Shand bei Aberdeen eine neue Anlage, die drei Doubler hatte. Shand setzte den Doublern Helme auf wie bei einer normalen Pot Still, und die Anlage wurde auch erfolgreich in Brennereien bei Aberdeen, Stirling und Fettercairn eingesetzt. Über die Anlage von Shand will ich an dieser Stelle aber noch nicht viel sagen, wir werden sie ausführlich im fünften Teil besprechen, wenn es in die Karibik geht. 

Bild 16-E: schottische Brennblase mit drei Doublern von William Shand.

Weder die Anlage von Stein noch die Anlage von Shand konnten sich in Schottland auf Dauer durchsetzen. Sie wurden später von der Säulen-Anlage von Coffey verdrängt. (16-C) 

In den Highlands war der Doubler vermutlich nie angekommen.

9. Irischer Spätzünder

Die vielen Brennereien, die es einstmals in Irland gab, sind heute ebenso in Vergessenheit geraten wie die Brennblasen, die sie benutzten. In Cork entwickelten die Besitzer der Green Distillery, Thomas und Josef Shee, eine Brennanlage nach dem Vorbild von Eduard Adam, und meldeten sie 1834 zum Patent an. 

Bild 17: Irische Brennanlage mit Doubler (Abb. Wikipedia).

Statt der schönen Ostereier, wie sie Adam 30 Jahre zuvor entwickelt hatte, benutzten die Shee-Brüder kleine Alembics (Bild 17). Ihre Funktion als Doubler ist unschwer zu erkennen, sie wurden mit Dampf aus der Hauptbrennblase erhitzt. Die Brennanlage war über 20 Jahre lang in Betrieb. Durchsetzen konnte sich die Anlage nicht, da sie äußerst unpraktisch war. Ein Fachmann schrieb 1894 im Handbuch für Spirituosenfabrikation: „Der Apparat, eine schlechte Nachahmung der Woulffeschen Flaschen, ist so unpraktisch zusammengestellt, dass zu jeder Flasche noch Hilfsgefäße und eine Pumpe zum Heben des Lutters gehören.“ Begeisterung klingt anders. 

10. Berliner Irrungen und Wirrungen

Die Erfindung von Adam blieb in Deutschland nicht unbeachtet. In Berlin wurden gleich mehrere Brennapparate nach dem Prinzip der Adamschen Brennanlage entwickelt. Ähnlich wie in Irland waren auch die deutschen Brenner zunächst skeptisch. Sie trauten Adams „Eiern“ nicht viel zu, und setzten weiterhin auf die bewährte Pot-Still-Form. Wie erfolgreich waren die Berliner Brennapparate-Bauer? Schauen wir uns die deutschen Dampfbrennapparate etwas genauer an.

a) Pistorius: Am bekanntesten ist die Pistorius-Brennanlage (Bild 18). Sie wurde 1817 von Johann Heinrich Leberecht Pistorius entwickelt und vorranging für die neuartige Destillation von Kartoffeln eingesetzt, die sich in Preußen inzwischen bestens eingelebt hatte. Aber auch für Getreide war sie verwendbar. Die Anlage bestand aus „Maischblase“ (a) und „Maischwärmer“ (b), die miteinander verbunden waren und aus denen die Alkoholdämpfe in einen neuartigen Rektifizierungsbehälter geleitet wurden, der zwischen Maischwärmer und Kühlfass montiert war und später als „Pistorius-Becken“ Furore machte. 

Bild 18: Brennanlage von Pistorius, 1817. (Abb. aus Polytechnisches Journal Band 4, 1821).

Doch so ganz scheint Pistorius den neu entdeckten physikalischen Gesetzen nicht getraut zu haben: die zweite Brennblase (b) wurde nicht nur mit dem Dampf aus der ersten Brennblase, sondern zusätzlich auch mit Hitze aus dem Brennofen beheizt. Im Grunde war Brennblase Nr. 2 ein seltsames Zwitterwesen aus Vorwärmer, Doubler und normaler Brennblase. Das hatte Folgen: durch den erhöhten Energiebedarf erhöhten sich nicht nur die Kosten bei der Produktion, sondern die Funktionsweise des Doubler wurde auch gestört. Die zusätzliche Hitze aus dem Ofen behinderte die nötige Kondensation der alkoholischen Dämpfe im Maischwärmer zum richtigen Zeitpunkt, die zweite Destillation erfolgte nur unzureichend. Erst im anschließenden Dephlegmator, dem sogenannten „Pistorius-Becken“, wurde dann ein höherer Alkoholgehalt erreicht. Es scheint, als habe Pistorius die Wirkungsweise des Doublers nicht wirklich verstanden, sondern diese Idee einfach nur bei Blumenthal abgeschaut. 

Der Brennapparat funktionierte in der Anfangszeit nur leidlich, das Modell wurde in der Folgezeit stark modifiziert und verbessert. Insgesamt war die Anlage sehr komplex und teuer, und vielleicht hätte man mit zwei getrennten Brennblasen das gleiche oder sogar ein besseres Ergebnis erzielt. Die Alembic-Form, die die Brennblasen zu Beginn noch hatten, wurde im Lauf der Jahre aufgegeben.

Bild 19: Späteres Modell der Brennanlage von Pistorius, 1877. (Abb. aus Encyclopædia of Chemistry, Vol. I, 1877).

Die eigentliche Wirkung der Anlage beruhte nicht auf dem Doubler, sondern auf dem „Pistorius-Becken“, das wie ein Dephlegmator funktionierte und den Alkohol-Gehalt des Destillats erhöhte. Erst die Weiterentwicklung mit einem verbesserten Pistorius-Becken und einem Vorwärmbehälter hat der Anlage zu ihrem großen Erfolg verholfen. Es hat eine Weile gedauert, ehe die Berliner mit ihrem neuen Kartoffelschnaps zurechtkamen.

b) Romershausen: Eine weitere Anlage wurde um 1820 von Dr. Romershausen aus Berlin entwickelt (Bild 19). Die Form des Doublers erinnert auch hier stark an die Alembic bzw. Pot Still. Das sah zwar putzig aus, war aber nicht wirklich hilfreich. Die Maische wurde in der Maischblase (i) über Feuer erhitzt. Der aufsteigende Dampf wurde in die zweite Brennblase geleitet, der die Funktion eines Doublers hat. Es folgte ein sogenannter Gaetascher oder schwedischer Kondensator, der gleichzeitig die Funktion eines Vorwärmers hatte. Danach kam ein weiterer Gaetascher und schließlich das normale Kühlfass.

Um mächtig Dampf zu erzeugen, hat Dr. Romershausen einen Blasebalg eingebaut. Gebaut wurde diese Anlage nie, da der Blasebalg vollkommen überflüssig und sinnlos ist und keine Brennerei Lust hatte, eine zusätzliche Person einzustellen, die während des gesamten Brennvorgangs den Blasebalg bedient. 

Bild 20: Brennanlage Romershausen, Berlin, vor 1821 (Abb. aus Polytechnisches Journal Bd. 4, 1821).

c) Dorn: Auch die Anlage von Fabrick-Kommissarius Johann Friedrich Dorn war kein Parade-Stück. Sie bestand aus einer klassischen Pot Still, einem Doubler mit Wärmevorrichtung und einem Kühlfass. Doch das Innenleben des Doublers war ziemlich kompliziert und nicht sehr wirkungsvoll. Am Ende betrug der Alkoholgehalt lediglich 36%. (Bild 20)

Bild 21: Destillierapparat von Dorn (Abb. aus Buch der Erfindungen, Birnbaum & Zöllner 1886).

Fazit: Kein Vorsprung durch Technik beim Kartoffelbrennen 

Die Mehrzahl der Brennanlagen, die in Berlin in der entscheidenden Phase von 1800 bis 1820 entstanden, hatten in der Folgezeit keine nennenswerten Auswirkungen, und bis auf die Pistorius-Anlage verschwanden sie bald wieder. Sie belegen aber eindrucksvoll, wie schwer man sich in Deutschland anfänglich mit dem Doubler tat. Denn was sich so einfach anhört, ist in Wirklichkeit ein komplexes Gefüge aus Abkühlung und erneutem Aufheizen.  Von „Vorsprung durch Technik“ konnte man um 1820 bei den deutschen Brennanlagen keinesfalls reden. Im Gegenteil, man hinkte hoffnungslos hinterher.

Bild 22: Pistorius-Becken und Pistorius-Vorwärmer.

Eine Ausnahme bildete die Anlage von Pistorius. Der kam zwar nicht mit dem Doubler zurecht, aber sein Pistorius-Becken wurde überaus erfolgreich. Noch heute gibt es in Deutschland Brennanlagen, die über ein Pistorius-Becken verfügen. 

Das Pistorius-Becken

Pistorius hatte sich an der Säulen-Anlage von Jean-Baptiste Cellier-Blumenthal orientiert und verfolgte als Ziel die kontinuierliche Destillation. Die Elemente seines Brennapparates waren deshalb vertikal angeordnet. Die Flüssigkeit floss von oben nach unten, der Dampf stieg von unten nach oben. Bis zur Säule war es jetzt nur noch ein kleiner Schritt. Pistorius-Becken und Dephlegmatoren sollten in den kommenden Jahrzehnten bei den deutschen Brennanlagen dominieren. 

Fazit: Der Douber hat in Deutschland nie wirklich eine Chance gehabt.

11. Von Trier nach Pennsylvanien und zurück

Eine interessante Anlage finden wir einige Jahre später in Rheinischen Gefilden, als Heinrich Ludwig Lambert Gall aus Trier 1830 eine Brennanlage entwickelte.  Gall war 1819 nach Harrisburg in Pennsylvanien ausgewandert, aber 18 Monate später wieder zurückgekehrt. Eine Besonderheit seiner Brennanlage war, dass sie aus Holz gebaut wurde. Sie bestand aus einer hölzernen Brennblase in Zylinderform, einem „Separator“, einem „Dephlegmator“ und einer Kühlschlange. Holz war bei deutschen Brennanlagen ungewöhnlich.  Hatte er die hölzernen Kessel in Pennsylvanien kennen gelernt? Oder stammte seine Inspiration aus einer anderen Quelle?

Bild 23: Gallscher Brennapparat, ca. 1830. Mit Doubler und Pistorius-Becken.

Galls Apparat war äußerst effizient. Er hatte neben einem Doubler auch Reflux-Teller im Stile eines Pistorius-Becken, die später zu großen Dephlegmatoren wurden. 

Erfolgreich wurde die Anlage aber erst, als sie in Kupfer ausgeführt wurde. Sein Apparat wurde viel gelobt, und kam in mehreren Großbrennereien zum Einsatz. Auffällig ist die Form: es gab keine Alembic mehr. Die deutschen Brennanlagen waren endgültig im Dampfzeitalter angekommen. 

Bild 24-B: Verbesserte Gallsche Anlage in Kupfer.

In deutschen Fachkreisen war man davon überzeugt, dass eine hölzernen Anlage nur zum Abtreiben von klaren, dünnflüssigen Maischen geeignet war; zähe oder trübe Maischen wie etwa die Kartoffelmaische könne man nur auf kupfernen Anlagen brennen, weil sich ihre schweren Teile in den Winkel und an den Ecken des Behälters leicht ablagern und anbrennen würden.

In Polen war jemand ganz anderer Meinung.

12. Polnisch-Galizien

Etwa zwei Jahre früher als Gall, um 1828, hatte in Polen Adam Kasperowski eine dampfbetriebene Brennanlage für Kartoffelschnaps entwickelt, die in Berlin für viel Spott sorgte. Kasperowski stammte aus dem galizischen Lemberg, der heutigen ukrainischen Stadt Lviv.  Galizien war zum damaligen Zeitpunkt von Österreich annektiert und Kasperowski hatte mehrere Jahre in der napoeonischen Armee als Offizier gedient. Kasperowski war mehrsprachig aufgewachsen und wurde in den folgenden 10 Jahren nicht müde, seine Brennanlage immer wieder gegen preußisch-brandenburgische Anfeindungen zu verteidigen. Später etablierte er auf dem Gutshof Zurawniki eine der ersten Zuckerrübenfabriken Europas.  Ob er dort auch Rum destilliert hat, weiß ich leider nicht.

Bild 25: Destillierblase für den Hausgebrauch von Adam Kasperowski, ca. 1825 (Über die Dampfbierbräuerey).

Kasperowski hat die meisten seiner Veröffentlichungen in polnischer Sprache geschrieben, nur wenige Werke erschienen auf Deutsch. Doch in einer Anleitung zur „Dampfbierbräuerey“ finden wir endlich, in einem gesonderten Kapitel über die Destillation, wonach wir die ganze Zeit gesucht haben: Der Thumper Keg für den Hausgebrauch (Bild 25). Kein Zweifel – in Polen wusste man früh, wie man guten Kartoffelschnaps brennt. Kasperowski war nicht der erste, der eine Brennerei aus Holzgefäßen kontruierte.

Sein Vorbild stammte aus Russland. 

13. Russland

In Russland hatte schon 1816 Graf Dimitri von Sudow geklagt, dass die neu entwickelten Brennanlagen alle viel zu kompliziert seien. Für Russland, wo sich die meisten Brennereien nicht in der Stadt, sondern auf dem Land befanden, seien diese Anlagen kaum praktikabel. Der Brennapparat, den er deshalb entwickelte, zeichnet sich vor allem durch seine Schlichtheit aus. 

Die Anlage (Bild 25-A) bestand aus Ofen (a), eisernem Dampfkessel (b), Maischekufe (c), hölzerne Beikufe (d), und Kühlröhre (g). Entwickelt wurde die Anlage schon vor 1816. Sie fällt auf durch die Einfachheit ihrer Bauteile. Hier finden wir zum ersten Mal einen richtigen “Thumper Keg”. Subow war vermutlich der erste, der die Idee von Adam auf eine Kornbrennerei angewandt hat. 

Bild 25-A: Brennanlage von Graf Dimitri von Subow, 1816. Mit Dampfkessel und Doubler.

Um das Holz besser zu schützen, hat Subow die Holzgefäße mit Ziegelstein ummauert, wodurch sie eine ungewohnte Formensprache erhielt. Dass sich hinter diesem “Dampf-Apparat” eine Brennerei verbarg, ist kaum zu erkennen. (Bild 25-B).

Der Doubler ist in dieser Anlage ganz eindeutig zu erkennen, und besitzt alle Merkmale, die wir später in den USA wiederfinden werden. Er wurde nicht als “Doubler”, sondern als “Beikufe” bezeichnet. 

Der Doubler hat in Europa nie einen eigenen Namen bekommen. 

Bild 25-B: Subowsche Dampf-Brennanlage, aus Holz und Ziegelsteinen, mit Doubler.

14. Angel-Sächsische Liaison auf Schloss Hundisburg

Die erstaunlichste Brennanlage und den schönsten Doubler oder Thumper Keg jener Zeit finden wir dort, wo wir es gewiss niemals vermutet hätten: auf Schloss Hundisburg in Sachsen-Anhalt. Die Geschichte dieser Brennerei ist so unglaublich, dass ich sie euch unbedingt erzählen muss. 

Bild 26: Schloss Hundisburg (Abb. Wikipedia).

Der wohlhabende Kaufmann und Tabakhändler Johann Gottlob Nauthusius (Nathusius) hatte 1810 das säkularisierte Klostergut Althaldersleben bei Magdeburg erworben, und ein Jahr später, 1811, kaufte er auch das benachbarte Schloss Hundisburg, zu dem ein Gutsbetrieb gehörte. 

Die Agrarrevolution war in vollem Gange, die Welt war im Dampfmaschinenfieber, die Sklaven auf den Tabakfeldern in Virginia kurbelten die Wirtschaft an und Nauthusius begann, seinen Gutshof nach neuesten technologischen Erkenntnissen zu modernisieren. 1814 richtete er einen Kupferhammer und eine Eisengießerei ein. 

Bei einem Besuch in Berlin lernte er kurz danach den Mechaniker Ernst Neubauer kennen. Neubauer stammte aus Königsberg – dem heutigen Kaliningrad – und hatte einige Jahre in London und Birmingham gelebt, wo er als Mechaniker arbeitete. Vielleicht war er vor den Truppen Napoleons nach England geflüchtet. Nauthusius engagierte den jungen Neubauer, um auf Schloss Hundisburg eine Maschinenfabrik nach englischem Vorbild einzurichten.

Bild 26-A: Brennanlage von Nauthusius, 1823, Ansich von der Seite.

Ungefähr zur gleichen Zeit begann Nauthusius mit dem Bau von Brennanlagen. Neubauer reiste nach London, wo er eine siebenzöllige Dampfmaschine erwarb und 12 englische Metallarbeiter engagierte, die er zusammen mit der Dampfmaschine nach Hundisburg brachte. Im Dezember 1818 reiste Neubauer mit einigen hundert Goldtalern in den Harz, um einige Ersatzteile zu kaufen. Neubauer kam von seiner Harzreise nie zurück. Ob er Opfer eines Raubüberfalls wurde oder sich heimlich mit dem Geld nach Amerika abgesetzt hat, ist bis heute nicht geklärt. 

Einer der britischen Fachkräfte, die Neubauer angeheuert hatte, war Samuel Aston aus Merthyr-Tidvil in Wales. Aston blieb bis ungefähr 1823 in Hundisburg, dann ging er nach Magdeburg und gründete dort am Knochenhauerufer 19 eine mechanische Werkstatt. Einige Jahre später zog er nach Tränsberg 48 um. 

Im gleichen Jahr, in dem Aston das Werk in Hundisburg verließ, schickte Nauthusius Pläne und Beschreibung einer Brennanlage, mit der in Hundisburg Kartoffelschnaps gebrannt wurde, an Dr. Sigismund Friedrich Hermbstädt. 

Hermbstädt war Author des Werkes “Chemische Grundsätze der Kunst, Branntwein zu brennen”, dessen erster Band  1817 erschienen war. Als die Unterlagen von Nauthusis bei Hermbstädt ankamen, befand sich Band 2 bereits in Druck. Doch Hermbstädt war von der Anlage so begeistert, dass er sie noch in einem gesonderten Kapitel  als Nachtrag mit aufnahm. 

Bild 26-B: Brennanlage von Nauthusius, 1823, Ansicht von oben.

Gezeichnet worden waren die Pläne von G. Ackermann aus London, der zur Weiterbildung auf Schloß Hundisburg weilte. Ackermanns Vater war der berühmte Verleger Rudolf Ackermann, der 1787 nach London ausgewandert war. 

Die Anlage von Nauthusius (Bilder 26 A-D) ist zwischen 1814 und 1823 entstanden, und sie gibt viele Rätsel auf.  

Sie besteht im Kern aus einem Boiler (A), zwei Brenngefäßen(E) und zwei Doublern (F – Hermbstädt bezeichnet sie als “Dephlegmirapparate”.) Außerdem gibt es rechts noch zwei Kübel, um die Kartoffeln zu dämpfen (K) und das Wasser zum Einmaischen zu erhitzen (L). Die Destilliergefäße tragen einen kleinen Kupferhelm, die Doubler sind tonnenförmig.

Boiler und Weinbehälter im oberen Stock (B) erinnern an die kontinuierlichen Brennanlagen, die ab 1818 in der Gascogne entstanden sind, und Hermbstädt bezeichnet die Anlage als “perpetuierlich”. 

Dass der Herr Ritter die Brennanlage auf seinem Gutshof aus Holz errichten ließ, ist indess ungewöhnlich. Holz war bei Brennanlagen in Deutschland verpönt. Auch in ihrem Gesamt-Layout und in der Art der Befeuerung weicht die Anlage von den bekannten Groß-Anlagen in Deutschand zu diesem Zeitpunkt deutlich ab, und erinnert eher an die Holzbrennblasen, die in den amerikanischen Appalachen und angrenzenden Gebieten in Mode waren. Es ist die Ähnlichkeit mit amerikanischen Brennanlagen (mehr darüber im nächsten Teil), die mich so verblüfft. Für diese Ähnlichkeit kann es verschiedene Gründe geben:

1. Die Anlage könnte von Aston nach Londoner Vorbild gebaut worden sein, und von London aus den Weg nach Amerika genommen haben? 

2. Der Tabakhändler Nauthusius könnte diese Art der Anlagen in Virginia kennen gelernt und nach Deutschland importiert haben?

3. Der aus Königsberg stammende Neubauer könnte die Anlage nach russischen Vorbildern entwickelt haben? Denn hier hatte Graf Dimitri von Subow 1816 einen ähnlichen Brennapparat entwickelt.

4. Der verschollene Neubauer könnte sich 1818 nach Amerika abgesetzt haben, wo er diese Anlage unter falschem Namen nachbaute und so zu ihrer Verbreitung beitrug?

Bild 26-C: Brennanlage von Nauthusius, 1823.

Die Idee, dass die Brennanlage von Nauthusius nach englischem oder amerikanischem Vorbild konstruiert wurde, ist reizvoll. Ich favorisiere jedoch Theorie C, denn die Anlage in Hundisburg zeigt große Ähnlichkeit mit der Anlage des Grafen Dimitri von Sudow. 

Die Ähnlichkeit mit Brennanlagen, wie wir sie ein Jahrzehnt später in den USA wieder finden, ist jedoch frappierend. 

Die Anlage wirkt wie ein “Missing Link”, wie ein Archeopterix der Brennapparate, der die Anlagen in Amerika und in Europa miteinander verbindet. Denn bei keinem der Brennapparate, die wir bisher betrachtet haben, war der Doubler so deutlich und so amerikanisch wie in Hundisheim bei Magdeburg.

Bild 26-D: Der Thumper Keg von Schloss Hundisburg.

Machen wir uns endlich auf den Weg zu den Brennblasen in der Neuen Welt.

Erste Zwischen-Bilanz: 

In Frankreich führte die Entdeckung von Eduard Adam 1801 in ganz Europa zu einer wahren Flut an Weiterentwicklungen. Frankreich war im Brennblasen-Fieber, und innerhalb von wenigen Jahren wurden mehr als dreißig neue Patente angemeldet. Mit dem Doubler ließ sich eine mehrfache Destillation bei nur einem Brenndurchgang durchführen. Vor allem für die kleinen, mobilen Brennanlagen auf Rädern war der zeit- und platzsparende Doubler ein großer Gewinn.

In Preußen, Irland und Schottland konnte der Doubler nie richtig Fuß fassen, da er entweder nur unzulänglich verstanden oder von den Steuergesetzen verhindert wurde.

Der Forscher-Eifer jener Jahre führte schon bald zur Erfindung des Vorwärmbehälters, der Säulenanlage und der kontinuierlichen Destillationsmethode. Spätestens gegen Ende des 19. Jahrhunderts dominierte in Europa das kontinuierliche Brennverfahren der Säulendestillation. Die Erfindung von Vorwärmer, Glockenböden und Pistorius-Becken wurde wegweisend, Reflux-Elemente und Dephlegmatoren wurden bald zur Selbstverständlichkeit. Brennapparate aus Holz konnten sich in Europa nicht durchsetzen, Kupfer blieb die erste Wahl.

Die großen Anlagen der kommerziellen Brennereien wurden immer komplexer, effizienter, komplizierter und teurer. Die vergleichsweise langsame Batch-Destillation des Doublers hatte ausgedient, noch ehe sie richtig erblühen konnte.

Im südlichen Polen hingegen entwickelte der Agrartechniker Kasperowski eine kleine Destille mit Doubler für den Hausgebrauch. Benutzt hat er dazu eine Alembic, eine Kühlschlange und eine Woulfesche Flasche. Die große Stärke des Doublers liegt in der Einfachheit seiner Anwendung. 

Vorbild für die Anlage von Kasperowski war die hölzerne Dampf-Brennanlage des russischen Grafen Dimitri von Subow. Die Anlage besaß einen klassischen Doubler, der hier als “Beikufe” bezeichnet wurde. Der Doubler hat in Europa nie einen eigenen Namen bekommen. 

Zwischen 1814 und 1823 wurde in Hundisburg bei Magdeburg ein hölzerner Brennapparat mit Doubler gebaut, der für Deutschland sehr untypisch war und eher an die Anlagen in der Gascogne und in den amerikanischen Appalachen erinnert. Die Herkunftsgeschichte dieses Brennapparates wirft viele Fragen auf. 

Ausblick:

Der vierte Teil der Reihe führt uns so also zurück nach Nord-Amerika. Und dort werden wir der hölzernen Brennanlage und dem Doubler von Hundisburg wieder begegnen.