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Über eine Leidenschaft, die keine Grenzen mehr kennt

Von Jens Fahr

Früher war alles besser. Oder zumindest einfacher. Bis in die 90er Jahre hinein gab es – grob geschätzt – gerade einmal knapp 50 Whisky-Sorten, mit denen sich der geneigte Connaisseur zufrieden geben musste. Spätestens aber mit dem Einzug der „Classic Malts“ wurde ein Fuß in die Tür zu einer völlig anderen Whiskywelt gestellt, die seither schier unerschöpflich und mittlerweile unüberschaubare Unmengen des flüssigen Goldes auf die Welt bringt. Der Takt-Schlag der Whisky-Welt hat spürbar an Tempo zugenommen. Kein einzelner Whisky-Freund – egal, ob Sammler, Genießer oder Verkäufer – besitzt heute auch nur annähernd die Chance, darüber noch den Überblick zu behalten. Die Vielfalt hat das Regiment übernommen.

In die Zeit dieser Eroberung des Marktes durch die Malt Whiskys fiel auch mein erster Kontakt mit den guten Tropfen. Ich besaß damals bereits eine erste „Sammlung“ von irischen und schottischen Blends, ein paar Bourbons und natürlich einen Glenfiddich, Glen Grant sowie die „Classic Malts“. Dann bekam ich eines Tages von meinem Händler eine schmale Charge von Single Malts von mir bis dato völlig unbekannten Destillerien. Die Serie nannte sich „Connoisseurs Choice“. Die Whiskys hießen Dailuaine, Benrinnes, Aberfeldy und Bladnoch. Hähhh!? Alles böhmische, nein, schottische Dörfer! Google gab’s noch nicht. Das WorldWideWeb steckte bestenfalls in den Kinderschuhen. Sprich: Keine Chance, irgendetwas darüber in Erfahrung zu bringen. Ich kaufte mir jedes erhältliche Whisky-Buch. Und las sie alle durch. Ich hatte mich in die Welt des Whiskys und in Schottland, in seine Landschaften, Geschichten und Menschen verliebt. Lange blieb ich mit dieser Liebe allein.

Alleine genießen macht einsam. Allein genießen macht auch keinen Spaß. Es war etwa 1994, als ich das erste Mal aktiv versuchte Seelenverwandte und andere vom Virus „Whisky“ Infizierte zusammenzutrommeln. Erstaunlicherweise fanden sich relativ schnell Leute, denen es genauso erging wie mir. Auch sie wollten darüber reden. Whisky braucht Zeit und Geselligkeit, Wärme und Geschichten. Und Whisky erzählt Geschichten, wenn er all das bekommt. Ich brauchte nur zuzuhören. Und selber den  Gedanken nachhängen. Und sie äußern! Whisky lockert dafür die Zunge. Und macht es mitunter einfacher, diese Gedanken zu entlassen, ihnen ihre Freiheit zu schenken. Noch wichtiger aber war: Man redete miteinander. Und nahm sich Zeit. Füreinander. Für die Tropfen im Glas. Für die Geschichten drum herum…

Dergestalt entstanden überall in Deutschland aus den einst allein ihrer Leidenschaft frönenden Enthusiasten all jene Gruppierungen, die sich regelmäßig treffen, sich ihre neuesten Errungenschaften vorstellen, sie zusammen probieren, sich über neueste Gerüchte und Meldungen die Köpfe heiß reden, philosophieren und träumen – und eben Whisky trinken. Es ist die Geburtsstunde der großen Club- und Vereinsszene, die wir längst haben. Dennoch: Wer vermochte all die Meldungen, Informationen und Neuheiten noch zu überblicken? Wer wollte sie bündeln und zusammenfassen? Sie lesen, auswerten und archivieren? Ein aussichtloses Unterfangen! Die Brennereien in Schottland produzierten indessen munter drauf los weiter neue Whiskys. Spätestens mit Einstieg weiterer so genannter unabhängiger Abfüller wurde es ganz und gar unrealistisch, irgendeine Übersicht über all die vielen neuen Tropfen zu behalten. Jedes Jahr gelangen davon – so heißt es – 3.000 neue auf den Markt.

Ich habe in diesen Jahren nur einen Bruchteil davon getrunken, wovon ich las und worüber ich wusste. Dennoch wuchs meine Ansammlung von Whiskys immer mehr an. Mit den Mitgliedern meines Whisky-Clubs besuchte ich inzwischen regelmäßig Whisky-Messen, Whisky-Feste und auch Treffen anderer Clubs. Die Szene begann sich zu vernetzen. Freundschaften entstanden mit anderen Sammlern und Liebhabern, mit Whisky-Enthusiasten, Veranstaltern und Vereinen. Man tauschte Informationen und Whiskys und teilte Flaschen wie die Liebe zum gemeinsamen Hobby. Seit einigen Jahren helfe ich Freunden inzwischen aus an ihren Whisky-Messen Ständen und manchmal betreibe ich einen eigenen. Das Schöne daran ist, dass man so einen direkten Kontakt zu den feinsten und neuesten Tropfen, ihren Herstellern und Importeuren bekommt, andererseits auf unzählige begeisterte, ja fast „danach verrückte“ Liebhaber trifft. Diese Messen und Feste sind so nicht nur ein Schaufenster der Whisky-Industrie. Sie sind ein Treffpunkt und Sammelbecken all derer, die sich sonst nur schreibend und lesend aus diversen Whisky-Foren kennen. Mancher Whisky-Freund bekommt so erstmal ein „Gesicht“.

Die Welt ist kleiner geworden. Und globaler. Sie dreht sich schneller. Und mit ihr die Zeit. Früher – im Zeitalter vor der Geburt des Internets – war man noch gezwungen, sich zu verabreden, um sich zu treffen. Heute ist dies nicht mehr zwingend nötig. Man kann sich über Whisky austauschen ohne beisammen zu sein. Man kann sich durch Chats in Foren und über Skype verbinden, um miteinander zu kommunizieren. Man lernt Leute kennen und schätzen, die beispielsweise auf der anderen Seite des Globus wohnen. Man kommuniziert grenzenlos miteinander über Whisky. Heute lassen sich mit etwas Zeit zu fast jedem Tropfen im Internet viele verschiedene Meinungen und Eindrücke einholen, ohne ihn je getrunken zu haben. Und entdeckt sie hernach auf Messen, bei Tastings oder über Flaschenteilungen wieder. Man lernt heute in einem Jahr so viele Whiskys kennen, wie früher nicht in einem ganzen Leben. Und man trifft dabei auf Menschen, Liebhaber wie du und ich, denen man sonst nie begegnet wäre.

Die Treffen, das Reden und das Austauschen von Informationen, Geschichten, Empfindungen, Gefühlen – das ist der eigentliche Genuss. Whisky ist weit mehr als nur ein alkoholisches Getränk. Für mich ist er Antwort auf viele mich bewegende Fragen. Er ist Lebenseinstellung. Er ist Philosophie. Und er ist am schönsten, wenn man ihn mit anderen teilt. Das ist auch meine Botschaft und die Quintessenz all meiner Jahre in der Szene: Whisky verbindet. Grenzenlos…