Neulich griff ich – fast beiläufig – nach einer Flasche Macallan, die seit langem vernachlässigt in meinem Regal steht. Der Korken löste sich mit einem leisen Seufzer, und mit dem Duft kam eine Erinnerung zurück: an ein Projekt, das ich einst für Macallan begleiten durfte. Damals hatten sich die Schotten vorgenommen, die sensorischen Grenzen ihres Whiskys neu zu vermessen. Sie holten sich den Parfümeur Roja Dove ins Boot, einen Meister der Aromen und der Vorstellungskraft. Gemeinsam entstand nicht nur ein neuer, völlig anderer Macallan Whisky, sondern nebenbei beinahe eine neue Grammatik des Riechens, ein neues Koordinatensystem der Aromen.
Ich erinnere mich an ein langes Gespräch mit Roja – in einem Londoner Nobel-Hotel, an einem jener Nachmittage, die nach Zeitlosigkeit schmecken. Wir sprachen über die Sprache selbst: darüber, wie schwer es fällt, Whisky in Worte zu fassen, ohne ihn zu verraten. Er sagte sinngemäß, es brauche für Whisky eine ganz eigene Sensorik- und Sprachwelt, die über das Gewohnte hinausweise. Denn wie, fragte er, soll jemand den Begriff torfig wirklich begreifen, der nie den Geruch feuchter Erde, nasser Heide oder glimmender Moore erlebt hat? Für jemanden, der sein Leben in der Wüste von Arizona oder unter der Sonne Namibias verbracht hat, ist Torf nur ein abstraktes Wort – kein Erlebnis.



Vielleicht dachte ich später, liegt darin der Kern unserer aktuellen Probleme: Wir reden über Whisky in Bildern, die längst nicht mehr allen zugänglich sind. Und so führte mich der Gedanke – über das Glas hinweg – zur Frage, wie sich jene geheimnisvolle Whiskysprache eigentlich entwickelt hat und warum sie uns zugleich fasziniert und entfremdet.
Es gibt heute kaum etwas Exklusiveres als die Sprache, in der Whisky beschrieben wird. Einst ein schlichtes Getränk aus Gerste, Wasser und Geduld, hat sich der Whisky zu einem Kunstobjekt der besonderen Art verwandelt, über das man nicht mehr spricht, sondern doziert. Die Vokabeln der Verfeinerung scheinen endlos: mal duftet ein Scotch nach „gerösteten Haselnüssen“, mal „nach dem Januarlicht über Islay“. In dieser Blase der olfaktorischen Ekstase fühlt man sich schnell wie in einem literarischen Salon, in dem die Gläser mehr sagen wollen, als sie enthalten.
Natürlich ist das charmant – solange man nur zuhört. Doch je bildreicher die Beschreibungen werden, desto verschwommener wirkt die Wirklichkeit im Glas. Hinter „ledernen Akzenten“ und „einer Textur wie polierte Zeit“ verschwinden oft die Einfachheit und das Erlebnis dessen, worum es doch eigentlich geht: ein Schluck, der wärmt, der zentriert, der schlicht gut schmeckt.
Dabei hat die Whiskysprache nur eine Aufgabe: sie will sinnlich klingen, nicht sinnvoll sein. „Langer Abgang“ – ein Euphemismus für Nachhall und Eitelkeit. „Balance“ – ein Wort, das alles und nichts bedeutet, wie „Charakter“ in Politikerreden. Vielleicht trinken wir gar nicht Whisky – vielleicht trinken wir nur noch unsere eigenen Metaphern.
Die Sprache des Whiskys hat sich zu einem Ritual der Distinktion entwickelt, eine Tastatur feiner Anspielungen, die Eingeweihten Zugang gewährt – Außenstehende aber so leise wie unnachgiebig vor der Tür lässt.
Erstaunlich; war Whisky doch eigentlich nie elitär. Er war Bauerngetränk, Arbeitertrunk, flüssige Gemütlichkeit. Erst das Sprechen über den Whisky hob ihn in die Sphäre des Unzugänglichen – und verstellt damit vielleicht genau das, was ihn groß macht: seine Unmittelbarkeit.
Doch warum?

Was, wenn wir wieder lernten, Whisky einfach zu beschreiben? Nicht mit lyrischer Ornamentik, sondern mit ehrlicher Empfindung?
Vielleicht öffnete sich dann auch wieder der Kreis der Genießer in dieser für die Branche schweren Zeit. Eine verständlichere, ungezwungenere Sprache könnte die Scheu nehmen, die dieser altehrwürdige, feine Brand inzwischen auslöst.
Sie würde einladen statt abgrenzen.
Schmecken statt dozieren.
Denn wo Worte weniger schillern, darf das Glas wieder leuchten. Und vielleicht wäre genau das der schönste Nachklang.








